Zulieferer fürchten Dominoeffekt

10. Oktober 2002, 19:14
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Gewerkschafter: Jobabbau gefährdet weitere 40.000 Jobs

Turin - Das Schreckgespenst der italienischen Regierung heißt derzeit "Dominoeffekt": Rom befürchtet, dass der geänderte Sanierungsplan des Auto- und Industriekonzerns Fiat - 8100 Arbeiter sollen gehen, zwei Autowerke sollen stillgelegt werden - bei Fiat verheerende Auswirkungen auf die Beschäftigung im Land haben wird. Die Gewerkschaften behaupten nun, dass der Jobabbau bei Fiat bedeuten würde, dass infolgedessen rund 40.000 Stellen in der Zulieferindustrie gestrichen werden könnten. Der Stellenabbau in der ersten Phase betrifft bereits zwei Fiat-Töchter in der Zulieferung, Comau und Magneti Marelli.

Das Ende des italienischen Autotraums und die Übernahme durch General Motors, größter Autokonzern der Welt und bereits jetzt 20-Prozent-Eigner, rückt näher. Internationale Ratingagenturen pochen auf eine raschere Übernahme. In Italien mehren sich aber Stimmen, die kritisieren, dass Fiat nun noch schnell auf Staatskosten saniert werden soll, um den Konzern dann bei wieder steigenden Aktienkursen an GM komplett verklopfen zu können.

Verstaatlichung?

GM könnte Fiat mit der deutschen GM-Tochter Opel zusammenlegen. Diese hat sich aber auch noch nicht ganz von einer Qualitäts- und Absatzkrise erholt. Immer wieder tauchten auch Gerüchte auf, wonach auch DaimlerChrysler an einer Übernahme interessiert sei. Aber auch eine Verstaatlichung ist in Diskussion: "Italien kann es sich absolut nicht leisten, seine bedeutendste Autoindustrie zu verlieren", so Oppositionsführer Francesco Rutelli.

"Vom industriellen Standpunkt her genügen die im Sanierungsplan enthaltene Maßnahmen noch nicht. Fiat muss weitere Kosten abbauen", sagt der italienische Wirtschaftsprofessor Giuseppe Volpato - und trifft sich darin mit anderer Analysten. Das Management trage die Verantwortung für die Notstandslage - der Nettoschuldenstand liegt trotz aller Bemühungen bei 5,8 Mrd. Euro, die Verkaufszahlen sind weiter rückläufig. Von den "Ökoprämien" des Staates für Neuwagenkäufer profitierten hauptsächlich die nicht italienischen Marken.

Warnungen ungehört verhallt

Experten hatten schon lang gewarnt: Die Personalstruktur Fiats sei zu üppig, das Management nicht global orientiert. Schon seit Jahren habe Turin nicht mehr mit Automodellen begeistern können. Die Krise sei das Resultat Jahre alter Fehlstrategien, so Volpato.

In Termini Imerese entschloss sich der Bürgermeister der Kleinstadt zu einem Hungerstreik. Sizilianische Bischöfe appellierten an Staatschef Carlo Azeglio Ciampi, sich gegen die Sperrung des Fiat-Werks einzusetzen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 11.10.2002)

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