Mit Oscar Wilde nach Salzburg

10. Oktober 2002, 20:36
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"Tischgespräche" zur 44. Unglaubwürdigen Reise

Auf Kinder wirkt er wie ein Rattenfänger, der "Prinz des Paradoxon" und "der erste gut gekleidete Philosoph der Geschichte". Seine Erzählungen, weltlich oder biblisch, verkünden ein Bewusstsein, dem es an Ironie und klarem Blick für die Willkür der göttlichen Gnade nicht gebricht. Das Bändchen Oscar Wildes Tischgespräche (Blessing Verlag 2002) offenbart auch den Umriss seiner Imagination.

Wer Wiener Kaffeehaus- oder Parlamentsdebatten mit anhört, kommt schwerlich auf die Idee, dass das Gespräch eine der liebenswürdigsten unter den Künsten sein könnte. Sich Oscar Wilde in Gesellschaft vorzustellen fällt nicht schwer, ein gekrümmter Zeigefinger auf den Halbseiten und sphinxhaft, wenn er voller Lebhaftigkeit und dennoch bedächtig seine Geschichten in Szene setzte. Er konnte eine ganze Figur evozieren, etwa seine Tante Jane, sehr alt und sehr stolz und jahrelang allein im Halbdunkel.

Es gelang ihm, alle zu verführen, Politiker und Poeten, Bettler, Knastbrüder, Anwälte und andere Tiere. Einmal schlug er in der Tite Street versammelte Zuhörer derart in Bann, dass sie nicht in der Lage waren, ihr Essen anzurühren. Er betrachtete es als Teil seiner Sendung, der britischen Society ihre verlorene Leitfigur wiederzugeben. Zugleich evozierte er ihren Untergang und liebte die Gräber. Deshalb noch ein Sprung aus Großbritannien zu einem Salzburger Grab: Du, links von dir der Chinese, / noch weiter die grobe Festung, / darin wird selten gefunden, was gesucht werden will. / Wieder einer, der für sich verbürgt, / was ihm nicht gebührt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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