Tarot-Botschaft ist ein "Schrei des Killers nach Respekt"

10. Oktober 2002, 17:28
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Mörder will "Aufmerksamkeit" und "Achtung" erringen - Höfliche Anrede für die Polizei

Washington - Die am Montag am Tatort eines Schussattentats im Raum Washington gefundene Tarot-Karte ist nach Ansicht von Experten ein "Schrei des Killers nach Respekt". Der serienmordende Heckenschütze hatte eine Tarot-Karte, die Tod und Veränderung symbolisiert, mit der Aufschrift "Lieber Polizist, ich bin Gott" zurückgelassen. Dies spreche für einen "Verlierer-Typen als Täter", der durch solche Botschaften nach Respekt und Aufmerksamkeit ringe, meinte Robert Ressler, ehemaliger FBI-Profiler, gegenüber der "Washington Post". Der Mörder wolle dadurch sagen "Ich bin dieser Typ, ich tue das alles".

Am Fundort der Karte war angeblich auch eine Botschaft an die Polizei, die Tarot-Karte nicht in den Medien zu veröffentlichen. Laut Ressler, Vorbild für die Figur eines FBI-Agenten in "Das Schweigen der Lämmer", bedeutet diese Botschaft aber genau das Umgekehrte, nämlich den Wunsch des Täters, seine Inschrift in der Zeitung zu lesen. Die Polizei hatte nach dem Bekanntwerden des Karten-Fundes verärgert reagiert und den Medien verantwortungsloses Vorgehen vorgeworfen. Offenbar hatten die Behörden versucht, indem sie seiner expliziten Bitte nach Geheimhaltung nachkommen, eine Art "Vertrauensverhältnis" mit dem Täter aufzubauen, um im Zuge eines Dialogs weitere Spuren zu erhalten, die dann möglicherweise zu seiner Ergreifung führen könnten, vermutet Ressler.

"Bei den Morden geht es nicht um die Opfer, sondern um den Täter", analysiert Patrick Dietz, Kriminalitätsexperte aus Kalifornien. Die Opfer seien so zufällig ausgewählt, dass sie für den Täter eigentlich keine Rolle spielen. Wichtig seien für ihn nur die Morde als "eigene Leistung". Üblicherweise würden Heckenschützen nichts am Tatort hinterlassen, um keine Spuren zu legen. Dieser Täter wolle jedoch mit der Tarot-Karte Aufmerksamkeit erregen und seiner "Wut auf die ganze Welt" irgendwie Luft machen. Da sich diese Wut seit einiger Zeit aufgestaut habe, müssten Bekannte oder Angehörige darüber wissen und könnten vielleicht der Polizei den entscheidenden Tipp geben.

Dass die Aufschrift mit "lieber Polizist" beginnt und nicht etwa den in den USA gebräuchlichen lockeren Ausdruck "Cops" verwendet, bedeutet für James Fox, Strafrechtsprofessor an der Northeastern University, dass dem Täter "Respekt" wichtig ist. "Er verlangt Respekt, und er verhält sich respektvoll" - zumindest in seiner Botschaft an die Polizei.

Als Replik auf die bisherigen Aussagen von Kriminalexperten in Medien sieht der Forensik-Experte Brent Turvey die Inschrift auf der Tarot-Karte. In allen Täterprofilen hätten die Experten immer wieder betont, dass der Mörder glaube, Gott zu sein, aber er sei es nicht. Mit der Inschrift, "Ich BIN Gott", habe er diesen Experten widersprochen. Der Killer könne aber auch etwa den aus dem Jahr 1990 stammenden Film "Navy Seals" gesehen haben, in dem ein Scharfschütze mit dem Codenamen "Gott" vorkomme. (APA)

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