Kopftuch am Arbeitsplatz kein Kündigungsgrund

11. Oktober 2002, 08:54
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Deutsches Gericht: Grundrechte müssen berücksichtigt werden

Erfurt - Frauen, die aus religiösen Gründen am Arbeitsplatz ein Kopftuch tragen wollen, darf nicht automatisch gekündigt werden.

Einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) in Erfurt vom Donnerstag zufolge hat der Arbeitgeber bei einer solchen Entscheidung die grundrechtlich geschützte Glaubensfreiheit zu berücksichtigen (AZ: 2 AZR 472/01).

Klägerin gewinnt Prozess

Im konkreten Fall erhielt vor dem BAG eine 32-jährige Türkin Recht, die zehn Jahre lang als Verkäuferin für Kosmetika in einem Kaufhaus mit rund 100 Beschäftigten im hessischen Schlüchtern gearbeitet hatte. Als sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes ihren Erziehungsurlaub beenden und wieder arbeiten gehen wollte, kündigte sie an, dass sie sich künftig auch in der Öffentlichkeit zum Islam bekennen und deshalb nur noch mit einem Kopftuch erscheinen werde.

Die Leitung des Kaufhaus sah dies als geschäftsschädigend an und kündigte der Frau. Der Arbeitgeber verwies darauf, dass die MitarbeiterInnen "gepflegt" und "unauffällig" gekleidet sein müssten. Außerdem sei das Haus bestrebt, seinen KundInnen gegenüber einen "noblen" und "exklusiven" Eindruck zu vermitteln.

Vorurteile, keine Indizien

Die RichterInnen erklärten indes, es gebe es keine Erfahrungen, dass es bei der Weiterbeschäftigung der mit einem Kopftuch bekleideten Frau zu einer erheblichen wirtschaftlichen Beeinträchtigung - etwa durch negative Reaktionen der KundInnen - kommt. Dem Arbeitgeber sei zuzumuten, die Frau zunächst weiter zu beschäftigen und abzuwarten, ob sich die Befürchtungen erfüllen.

Andersgelagerter Fall

Das Bundesverwaltungsgericht hatte im Juli entschieden, dass eine Bewerberin für die Stelle einer Lehrerin keinen Anspruch auf Einstellung hat, wenn sie aus religiösen Gründen nicht auf das Tragen des Kopftuchs verzichten will. Das Kopftuch, so hieß es in der Begründung des Urteils, sei "ein deutlich wahrnehmbares Symbol einer bestimmten Religion", so dass damit die in staatlichen Schulen geforderte Neutralität verletzt werde. (Reuters)

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