"Mittelfeld darf nicht der Maßstab sein"

11. Oktober 2002, 13:03
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OECD-Kritik am heimischen Bildungssystem: Soziale Herkunft beeinflusst Bildungserfolg

Wien - "Das Mittelfeld darf nicht der Maßstab sein" - diesen Rat gab der Koordinator der PISA(Programme for Internationals Student Assessment)-Studie der OECD, Andreas Schleicher, der heimischen Bildungspolitik. Gleichzeitig relativierte er die im Inland als positiv bewerteten PISA-Resultate für die österreichischen Schüler: Im Vergleich mit den Spitzenstaaten hänge der Bildungserfolg in Österreich viel stärker von der sozialen Herkunft der Schüler ab. Wirklich erfolgreiche Staaten wie Finnland, Kanada und Japan würden die Kinder hingegen viel später selektionieren, auch das "Sitzenbleiben" kenne man dort nicht, so Schleicher bei einem Vortrag in der AK-Wien.

Die Spitzenstaaten der PISA-Studie, bei der die Lese-, Mathematik und Naturwissenschaftskenntnisse von 15-Jährigen getestet wurden, würden hervorragende Testergebnisse mit ausgewogenen Gesamtleistungen verbinden, betonte Schleicher. So habe etwa in Finnland, Korea und Japan der soziale Hintergrund der Schüler einen viel geringeren Einfluss auf die Leistungen als in schlechter platzierten Staaten wie Österreich und - noch krasser - Deutschland.

Große Leistungsunterschiede

Ebenfalls festgestellt hat die OECD große Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Schulen in Österreich, Deutschland und den USA. Im Gegensatz dazu könne man beim Spitzenreiter Finnland als Elternteil sein Kind praktisch in jede Schule schicken "und sie erreichen dort überall fast garantiert eine gute Bildungsleistung". Gleiches gelte auch für Großbritannien.

Schleicher führte dies auf unterschiedliche Systeme zurück: Während es etwa in Österreich und Deutschland ein differenziertes Angebot gebe, in das die Schüler dann "einsortiert" würden, habe man in anderen Staaten einen unterschiedlichen Weg gewählt: Für jeden Schüler gebe es in einem System ohne frühe Selektion und ohne instititutionelle Differenzierung eine individuelle Förderung. Staaten wie Finnland, Japan, Kanada, Südkorea oder Schweden erreichten dadurch hervorragende Leistungen, indem sie eine breite Basis schaffen würden. "Es ist ineffektiv, Lebensentscheidungen früh zu treffen", meinte Schleicher. Damit würde das Leistungspotenzial von Schülern nicht genutzt, weil sie im falschen Bildungszweig säßen.

Schlecht betreut und wenig gefördert

In den genannten Staaten werde nicht die Gesamtschul-Idee der 70er-Jahre verwirklicht, betonte Schleicher. Eine Differenzierung finde schließlich überall statt. Allerdings zeige sich ein klares Bild: Wo stark institutionell differenziert werde, fühlten sich Schüler schlecht betreut und wenig gefördert. Generell gelte es auch, weniger ideologisch zu denken und Bildungstraditionen in Frage zu stellen, meinte der PISA-Koordinator, der Begriffe wie Gesamtschule vermied: "Wir bewerten nicht Institutionen, sondern messen an Ergebnissen."

Die zuletzt in Österreich diskutierte Einführung von Schulrankings ist übrigens im Spitzenreiter-Staat Finnland verwirklicht. "Evaluation ist ein zentrales Mittel für den Bildungserfolg - das begreift in Finnland jeder Lehrer", betonte Schleicher. Die Ergebnisse würden veröffentlicht und trügen damit auch zur geringen Leistungsstreuung zwischen den Schulen bei. (APA)

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