Goldhagen geht wieder in die Offensive

17. Oktober 2002, 12:35
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Nach Auslieferungsverbot seines Buchs deutliche Kritik an der Katholischen Kirche wegen ihrer Rolle während der NS-Zeit bekräftigt

Frankfurt/Main - Der US-Politologe Daniel Goldhagen hat die negativen Reaktionen auf sein neues Buch zurückgewiesen und seine deutliche Kritik an der Katholischen Kirche wegen ihrer Rolle während der NS-Zeit bekräftigt. Auf der Frankfurter Buchmesse sagte Goldhagen am Freitag, die Kirche als Institution müsse endlich ihre Verantwortung für die Verbrechen an Juden während des "Dritten Reiches" annehmen. Sie sei für den Holocaust nicht verantwortlich, aber in einer "tiefen und breiten" Komplizenschaft verstrickt. Eine Kollektivschuld jedes einzelnen Katholiken gebe es nicht.

Goldhagen betonte, dass er keine Entschädigungszahlungen der katholischen Kirche fordere. Die Kirche habe vom Holocaust finanziell profitiert, aber er wolle die Debatte auf die viel wichtigere moralische Schuld lenken. Auch habe er nicht gefordert, dass die Kirche antisemitische Passagen im Neuen Testament umschreibe. Er wolle nur darauf aufmerksam machen, dass hier in dem geheiligsten Text der Kirche gegen das Volk der Juden gehetzt werde. Mit diesem Problem müsse sich der Vatikan dringend auseinander setzen, sagte Goldhagen.

"Verzweifelter Versuch"

Zusätzlich Schlagzeilen machte das Buch, weil das Erzbistum München eine Einstweilige Verfügung gegen den Berliner Siedler-Verlag erwirkt hat: Wegen einer fehlerhaften Bildzeile darf es zunächst nicht mehr vertrieben werden darf. Goldhagen sagte, er glaube nicht, dass dies ein schlechtes Licht auf das Buch werfe. Stattdessen habe die Kirche mit dem Gang vor Gericht "einen verzweifelten Versuch" unternommen, von der dringend nötigen ernsthaften Diskussion abzulenken. Der Autor betonte, dass er die Bildunterschrift für richtig gehalten habe, da sie aus einem renommierten Archiv stamme. Es handle sich um einen "unschuldigen Fehler". Das Bistum hatte vor dem Landgericht München geklagt, weil in dem Buch ein Bild nicht, wie im Text behauptet, den ehemaligen Münchner Kardinal Michael Faulhaber bei einer NS-Veranstaltung zeigt, sondern einen anderen Würdenträger.

Goldhagens Buch wird trotz der Einstweiligen Verfügung aber weiter verkauft. Eine Verlagssprecherin bestätigte, dass die erste Auflage mit 30.000 Exemplaren an den Buchhandel ausgeliefert sei. Die Gerichtsentscheidung verbiete nur den Vertrieb durch den Verlag, nicht durch den Handel. Eine korrigierte zweite Auflage werde in wenigen Tagen erwartet, sagte die Sprecherin. In den Belegexemplaren auf der Buchmesse war die betreffende Zeile mit Filzstift geschwärzt worden. (APA/Reuters)

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Buchtipp

Daniel J. Goldhagen

"Die katholische Kirche und der Holocaust"



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