Rock mit Wäscheklupperl

10. Oktober 2002, 17:21
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Gegen die Moderne und deshalb schwer angesagt: The Datsuns aus Neuseeland entdecken den Punkrock in Deep Purple

Als junger Mensch kann man es sich heute ja gar nicht mehr vorstellen, wie das war, als man zum Musikmachen in versiffte Keller hinuntersteigen und sich dort auch noch mit altem Opa-Scheiß wie Gitarrestimmen herumärgern musste.

Das war bis vor ein, zwei Jahren eher sehr unmodern. Nicht dass man jetzt alles an dem Hype um die Punk-Neuerfinder The Strokes aufmachen müsste.

Nach einer Phase, in der die Kräfte des Fortschritts sich um die instrumentale Aufarbeitung von Computerprogrammen unter besonderer Berücksichtigung von Malen nach Zahlen verdient gemacht und darüber das Songwriting verlernt hatten, begann allerdings in jüngster Zeit mit einer größeren Zahl von Modernitätsverweigerern wie den White Stripes oder den Von Bondies oder den Hives zumeist von London aus an traditionellen Sturm-und-Drang-Instrumenten wie Gitarre und Schlagzeug (Gott strafe die Keyboarder!) eine gewisse Sehnsucht nach Musik zu greifen, wie sie seit Nirvana nicht mehr so richtig angesagt war.

Da sich der Charakter von populärer Musik zudem immer auch über ihre Livepräsentation erschließt und ein Brülltier am Mikrophon oder ein mit narzisstischen Problemen am Gitarrenhals ringender Jimi Hendrix für die Armen immer noch mehr hergibt als ein Wirtschaftsstudent im vierten Semester, der sich auf der Bühne hinter dem Laptop versteckt und den Leuten seine Kontoauszüge vorspielt, haben es zur Zeit gerade jene Musiker leicht, die gar nicht wussten, dass Rock bis vor kurzem tot wie Hose war.

In Neuseeland nämlich haben sich historisch gesehen Tasteninstrumente ohnehin nie wirklich durchgesetzt: zu kompliziert und vor allem auch nicht als Schlagwaffe zu gebrauchen. Schließlich hat sich in dieser rauen Gegend auch noch nicht wirklich durchgesprochen, dass eine Disco auch ein Musikstil ist. Was soll dann also ein House anderes sein als etwas Hohles zum Wohnen drin, und Techno alles, was nicht Natur ist?

Wahrscheinlich muss man das den vier Buben von den Datsuns schonend beibringen, aber: Nach dem Album Machine Head von Deep Purple aus 1972 und spätestens nach Back In Black von AC/DC aus 1980 ist außer der Tatsache, dass man dazwischen mit dem Punk die Frechheit geschenkt bekam, auch Musik zu machen ohne spielen zu können, daraufhin ja so ziemlich alles den Bach hinunter gegangen. Dieser Tatsache, dass Menschen zum Beispiel mit Plattenspielern und Heimcomputern Musik machen, verweigert sich das Debüt der vier Neuseeländer auf das allerentschiedenste. Man kann sagen: The Datsuns sind Feinde des Fortschritts.

Deep Purple ohne Keyboards und ohne Genierer, die Rolling Stones mit einer dreifachen Dosis Viagra, AC/DC unter Starkstrom und dazu mit "Dolf De Datsun" ein Sänger, der Robert Plant super nachmachen kann, weil er sich vor dem Singen immer ein Wäscheklupperl in den Schritt klemmt. Die beste unmodernste und deshalb schwer angesagte Rockplatte des Jahres. Abgesehen von Queens Of The Stone Age. Aber die können richtig spielen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Von
Christian Schachinger
  • The Datsuns The Datsuns (Zomba) Ab 21. 10. im Handel
    foto: zomba

    The Datsuns
    The Datsuns
    (Zomba)

    Ab 21. 10. im Handel

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