Michael Jackson ist begeistert

14. Oktober 2002, 23:21
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Der britische Bierpapst widersteht Belgiens süßen Versuchungen. Verständlich. Die Schönheit von limonenumflortem Witbier, säuerlich-nussigem Oud-Bruin und hellrotem Geuze ist subtiler und eine Reise wert, fand auch Robert Haidinger

Schubert ist zufrieden, leckt sich behaglich die Schulter. Ein Stammgast, der selten maunzt, sagt Maître Bernard Moucharte und klopft ihm sachte aufs Fell. Wie Recht er doch hat! Seidiges Schnurren ist aus den Tiefen des oval geflochtenen Körbchens zu hören, und unwillkürlich sieht man sich nach einem Kaminofen um.

Schubert kommt jeden Tag hierher, sagt Maître Bernard, seit vier Jahren, und mit der inoffiziellen Job-Description "verhätschelter Hauskater des berühmtesten Brüsseler Bierlokals". Kein Fall für Mauser, so viel steht fest. Allzu gemütlich wirkt die Umgebung, und das vertraute Gemurmel und glucksende Lachen im Raum senkt sich da wie akustisches Flanell über Schuberts schläfriges Vibrieren. In der Regel hängt der Hauskater denn auch totengleich herum, was dem Namen des Etablissements ja alle Ehre macht. "A la Morte Subite" heißt dieses, "Zum plötzlichen Tod".

Bierkarten in Leder gebunden

Doch das ist pure Übertreibung. Erstens bringt es die gleichnamige, hier gezapfte Biersorte bloß auf bescheidene Promillewerte und verspricht eher den plötzlichen Blasenknall. Und zweitens geht es zwischen den tabakfarbenen Wänden dieser lokalen Bier-Institution schon auch verhalten lebhaft zu. Pensionisten aus der Nachbarschaft und After-Work-Abspanner gönnen sich hier, im sympathisch ungeschniegelten Fin-de-Siècle-Kleinod der Brüsseler Altstadt, einen kürzeren oder längeren Umtrunk, studieren dazu mit kennerischen Falten auf der Stirn die Bierkarte.

Letztere kommt in Leder gebunden auf den Tisch, ein gewichtiges, vielseitiges Dokument lokaler Trinktraditionen. Goldenes Trappisten-Gebräu, limonenumflortes Witbier, säuerlich-nussiges Oud-Bruin-Kulturbier aus Flandern, und natürlich das hellrote, platte Gueuze - die Spezialität des "Morte Subite" - schweben, auf dem rutschigen Boden der vorüberexpedierten Tabletts ruhend, zwischen Tresen und Holztischchen hin und her, lassen das bierige Panorama auf den ersten Orientierungsblick erahnen.

Wunderbares, herrliches, weltmeisterliches Bier ....

Ein beachtliches Panorama immerhin: Mehr als hundert Sorten stehen allein hier zur Auswahl, Erzeugnisse von über hundert heimischen Brauereien. Denn schließlich handelt es sich nicht um irgendein Land, sondern um Belgien. Und das bedeutet, neben Schokolade, die eigentlich unter den Suchtgiftparagrafen fallen müsste, vor allem auch Bier. Wunderbares, herrliches, weltmeisterliches Bier.

Gezapft von Wirten, deren Können durch eine weltweit einzigartige Institution, nämlich das belgische "Amt für die Servierkunst von Bier", geschult wird. Und unters Volk gespült von Lokalen, die genauso gut als Wohnzimmer durchgehen könnten. Wer dem "Plötzlichen Tod" entgeht und das schäbigere, wenngleich ebenfalls höchst sympathische Flanagans samt dessen Pianospieler sowie einige Hunderte weitere Biertränken, die Brüssel zum Mekka und Marathonpflaster jedes ernsthaften Biertrinkers machen, links liegen lässt - sich am Gehsteig und Richtung Grand Place hält - mag im frühen Herbst seine besondere Freude daran haben.

... in Bourgogne-Kelchen, Trappist-Bechern oder Tulpengläsern

Angenehm mild ist es dann am vergoldetsten Platz Europas. Oder auch sprühregnerisch verpisst. Doch egal, darum geht es jetzt nicht, sondern um das jeden September hier stattfindende Bier-Festival. Frische Austern und in Bier und Sellerie gekochte Miesmuscheln bilden, gemeinsam mit den schmucken Pflastersteinen der Grand Place, die erprobten Unterlagen fürs Fest. Wer tief in die Tuba der hier aufdrehenden Blechmusiker blickt, sieht alle wesentlichen Zutaten wie in einem großen metallenen Kelch gewissermaßen gerafft gespiegelt: Die hübschen Fassaden, die schnurrbärtigen Belgier und deren erhobene Gläser bilden sich in der Metalltüte ab, wobei die konkav verzerrten Formen der Gläser auch auf den zweiten Blick neugierig machen.

Bauchig, tailliert, länglich und schmal kommen sie daher, als Bourgogne-Kelche, Trappist-Becher und Tulpengläser, vor allem aber als unübersehbare Zeugnisse einer nationalen Bierkultur, die heute 1500 Markennamen und rund vierhundert verschiedene Geschmacksrichtungen differenziert. Von den Farben gar nicht erst zu reden: Hellblond und amber, dunkelbraun bis schwarz, hell- bis dunkelrosa und sogar bordeauxrot leuchten einem Belgiens Biere entgegen. Das spricht sich nicht nur auf der septemberlichen Brüsseler Grand Place herum, wo die

Zunftmeister in ihren mittelalterlichen Roben und Bier-Guru Michael Jackson

Zunftmeister in ihren mittelalterlichen Roben von Gebräu zu Gebräu wetzen und Gerüchte über etwaige unterirdische Bierleitungen wie jene von Westmalles Abtei verbreiten. Das weiß man mittlerweile auch in aller Welt.

Längst wurde dabei auch das touristische Potenzial entdeckt, das sich mit den gefeierten Bieren belgischer Provenienz verbindet. Seit das Land in den späten Siebzigerjahren von Leuten wie dem britischen Bier-Guru Michael Jackson enthusiastisch propagiert wurde und in der Folge ins Zentrum der Weltbierkarte vorrückte, wuchs auch das ergänzende Angebot. Im Laufe der Zeit entstand eine vielfältige Infrastruktur, was Brauereimuseen in Brügge, Brüssel und Bocholt in Limburg, ferner ein eigenes Hopfenmuseum im westflämischen Hopfenanbauzentrum Poperinge und nicht zuletzt die florierende Brauereibesuch-Szene bestätigen.

Gerade Letztere treibt Bierliebhaber aus aller Welt denn auch aufs platte, von Pappelalleen und Deichen durchkreuzte Land hinaus - in jenes Belgien, das bei der strammen Brüssel-Antwerpen-Brügge-Visite meist jenseits der Autobahnränder übersehen wird. Ein glatter Fehler! Denn immerhin liegt häufig auch ein Hauch von Breughels sechs Jahreszeiten über solch ruralen Exkursionen, mit neuzivilisatorischer Interpunktion angereichert natürlich. So wie uns der Maler die Stimmung von Vorfrühling und den Scheideweg zwischen Herbst und Winter eröffnet, siedelt wohl auch das moderne Land an einer Scheidelinie: Stromkabel, Autostraßen, aber eben auch Weidenzeilen tranchieren das satte flandrische Grün - schwarz-weiße Kühe und aufblasbare, silbrige Schwäne, die neben echten Gänseherden in kleinen Teichen treiben, ergänzen es - und unterbreiten ein Patchwork in graugrünen Tönen, das Belgien auf den zweiten Blick als Land der nuancierten Schattierungen ausweist.

Rad- und Wandertouren, dazwischen Brauereien

Festgeschraubt am Tresen der Cafés und Brasserien muss jedenfalls keiner der Biertempler bleiben, die Flandern, aber auch andere Teilen des Landes nach Bieretiketten durchforsten. Dafür sorgen diverse Rad- und Wanderrouten, die in verschiedensten Teilen des Landes lokale Brauereien verbinden. Die Sezoensroute im Herzen von Limburg zählt dazu, und natürlich auch Herzstücke der belgischen Bierkultur wie die Region Klein-Brabant-Vaartland mit dem dazugehörigen hellblonden Duval-Bier. Hier im Kernland der brabantischen Biere, die mit einem traditionell hohen Bestandteil an Weizen gebraut werden, begann einst die Offensive der früher rein lokal orientierten belgischen Brauereien.

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Anlieferung des guten Biers auf die Tagesetappen der kräftigen Brauereipferde beschränkt, vierzig Kilometer hin und zurück im höchsten Fall, die die Bierkutscher an einem Tag schafften. Differenziert hatte sich das Brauen in Belgien freilich schon im 17. Jahrhundert, und so zählte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit über 3000 Brauereien, deren Kupferkessel während des Ersten Weltkriegs eingeschmolzen wurden. Auch viele Wagenparks gingen während dieser Zeit verloren - und Belgiens Braukultur den Deich runter, wenigstens ein bisschen.

... und dann die Neuentdeckung eines Weißbieres

Bis 1986 musste man durchhalten, just mit der Neuentdeckung eines Weißbieres, des Hoegaarden, ging es schließlich wieder bergauf. Darauf verweist heute auch der Etikettenschwindel, mit dem sich niederländische oder japanische Hersteller auf belgische Brautechnik beziehen. Und darauf bezieht sich auch die bewusst kleine Produktion vieler Minibrauereien, denen Qualität häufig vor Quantität und Marketingoffensive geht.

Wer die echten Abteibrauereien besucht, und also nicht die in Lizenz Abteibiere produzierenden großen Brauereien, versteht dies auf Anhieb. Die Gemäuer der berühmten Brauklöster von Chimay, Orval, Rochefort, Westmalle geben sich heute abweisend, und die westflandrische Abtei Westvleteren verzichtet sogar auf die Flaschenetikette. Wer hier, nahe der französischen Grenze, am Abteipult mit dem Schildchen "bierverkoop" vorstellig wird, bekommt lediglich schwarze Flaschen mit blauer oder gelber Kapsel in die Hand gedrückt - die legendären schwarzen, ungefilterten, malzigen Nummern # 8 und # 12. Westvleteren produziert gerade 500.000 Liter im Jahr, immer noch fünfmal so viel wie die letzte Brüsseler Familienbrauerei, das "Cantillon". "Man nennt uns die Lambiek-Fundamentalisten", erzählt dort nicht ohne Stolz Jean-Pierre Van Roy, der betagte Braumeister des Cantillon. Die zur Gänze aus dem Jahre 1900 stammende Ausstattung des Betriebs stellt die Liebe zur alten Brüsseler Brautradition jedenfalls nicht infrage. Maischebottich, der kupferne Kochkessel, Keller mit altvorderen Bierfässern aus Eichen- und Kastanienholz - nichts spricht dagegen, dass die Brauerei gleichzeitig als durchnummeriertes Museum besucht werden kann, was ja auch der Fall ist.

Unsichtbar bleiben lediglich die nur in Brüssel und dem angrenzenden Pajottenland durch die Luft schwirrenden wilden Hefepilze, die das in "Spontangärung", also ohne Zugabe von Hefe, gebraute Cantilloner Lambieck-Bier erst ermöglichen. Eine Kostprobe des durch Früchtezusatz geadelten "Champagners der Biere" gibt es natürlich am Ende der Brauereirunde: mit Kirschen versetztes "Kriek" etwa, Marillenbier "Fou Foune" oder das himbeerige "Rosé de Gambrinus". Wer mag, kann sich von Madame Van Roy auch einige Gläser Biermarmelade einpacken lassen. Zur Wildsaison. Oder für die Picknick-Offensive in den Ardennen. (DER STANDARD/rondo/11/10/2002)

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    The Michael Jackson "Real Beer Tour"

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    Cantilloner Lambieck-Bier, links mit Himbeergeschmack

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    Oud-Bruin von Lindeboom

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    Geute Boon

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    Witbier

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