51 Griffe zum Glück

11. Oktober 2002, 22:58
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Die Thai-Massage ist eine jahrhundertealte Kunst. Wie sie vom Schmuddel- image befreit werden soll, recherchierte Thomas Rottenberg im Tempel von Wat Po in Bangkok

"Vergiss es." W. schüttelt den Kopf. "Oder geh ins Puff." Manchmal verdient W. Watschen. Meistens dann, wenn er Recht hat. Wir standen vor einer dieser Türen mit Glocke, Guckloch und dezenter Aufschrift. Billige Klebebuchstaben. "Thai-Massage" stand da. Irgendwo in Wien. Wir sind zufällig vorbeigekommen.

W. schaute auf die Tür: "Vergiss es." Es ist nicht so, dass W. leugnet, dass die Damen hinter der Türe tolle Griffe und Techniken beherrschen. Er behauptet auch nicht, in ganz Wien gäbe es keinen seriösen Thai-Massage-Salon. Und W. ist auch kein Moralapostel. Wer drauf steht, sich unter dem Titel "Thai Massage" einen - pardon - runterholen zu lassen, dem wird W. nicht im Wege stehen. Aber W. hat die Angewohnheit, seinen Mund nicht halten zu können, wenn er etwas weiß.

Und in Sachen fernöstlicher Massage im Allgemeinen und thailändischer im Besonderen kennt er sich aus. Nicht zuletzt, weil er beruflich oft in Bangkok zu tun hat. Da lernt man Annehmlichkeiten einer Stadt rasch schätzen. In W.s Fall gehören die Massagesalons dazu. Aber W. will jetzt wirklich nicht den an dieser Stelle unvermeidlichen Witz hören. Drum sagt er, wenn er in Wien vor einem Thai-Salon steht, einfach "Vergiss es". Weil er den Unterschied kennt.

W. schaut aus dem Fenster. "Na, wie war es?" fragt er - und hört weg. Er weiß, was kommt. Im 36. Stock des Le-Meridien-Hotels in Bangkok wäre die Welt auch in Ordnung, wenn man nicht gerade in einem geschmackvoll-minimalistisch mit Futonmatte und sonst kaum etwas möblierten Raum fast die beste Massage des Planeten bekommen hätte: Der Blick schweift über Heliport, Pferderennplatz, 18-Loch-Golfplatz und die Skyline Bangkoks. Klassische Musik blubbert leise, und im Fitnesscenter nebenan - mit Stadtblick - haben ein paar trainierende Schönkörper mehr als freundlich gelächelt.

"Na, wie war es?" W. winkt ab: Klar, hier arbeiten Weltmeister im Drücken und Kneten. Aber: Würde man sich in der Beauty- und Healthfarm eines Fünfsternhauses mit weniger zufrieden geben? Noch dazu, wenn man für die einfache Massage 30 Euro hinlegt? "Komm", sagt W., "ich zeige dir die Wirklichkeit."

Wo die Klimaanlage aufhört, beginnt sie. Die Wirklichkeit. 34 Grad warm, feucht und stinkend wie ein alter Putzfetzen. Voll ins Gesicht. Plus: Aller Lärm und Staub von Südosttangente und Gürtel. "Come in handsome!",

ruft eine vielleicht 15-Jährige in Stiefeln und String aus einer Bar. Ihre jüngere Schwester trägt nur Hotpants. Ein Europäer lässt seine Hand darin wandern.

Im Hotel hat er erzählt, dass seine Tochter jetzt in ein Alter komme, wo sie am Abend ausgehen will. Guter Papa - voller Sorgen. "Come in handsome!" W. geht weiter: "Ja. Zum Kotzen."

Natürlich war der 36. Stock schicker. Luxuriöser. Auch sauberer. Eigentlich stimmt das nicht: Futon ist Futon - und der Überzug wird gewechselt. Das sieht man. Schließlich wird hier dicht an dicht abgefertigt. Ohne Klimaanlage. Unter einer Armada von Deckenventilatoren. Gedrückt, gezogen, gepresst, gedehnt, gedreht.

Glieder und Muskeln werden mit einer routinierten Perfektion bearbeitet, die an automatisierte Vorgänge einer Fabrik erinnert. Nur arbeiten hier, im "Tempel des schlafenden Buddha", (kurz "Wat Po"), keine Maschinen, sondern Menschen. Fachkräfte. Spezialisten. Leute, vor deren Fertigkeiten und Fähigkeiten europäische Experten in Sachen Massage den Hut ziehen.

"Das hier", sagt W. und zeigt auf die gar nicht schönen und reichen Leute, die sich von Frauen und Männern in gelben T-Shirts durchkneten lassen, "das ist die Wirklichkeit." Es gibt eine handgeschriebene Preistafel: 250 Baht - fünf Euro. In den Unterlagen vom superschicken Spa des weltberühmten Oriental Hotels (glaubt man der Fachpresse, das tollste Spa der Welt), in den Wellnessoasen mit Stadtpanorama und den wohltemperierten Hotelmassageinstituten, wird mit Stolz darauf hingewiesen, dass die eigene Crew hier ausgebildet wurde. "Erst wenn du hier warst", sagt W., "kannst du mitreden."

Natürlich passt der alte Mann ins Klischee. Weil er nicht alt wirkt. Jedenfalls nicht wie 60. Und weil alles, was er sagt, klingt, als stamme es aus einem schwülstigen Fernost-Buch. Vielleicht liegt das daran, dass Leute, die schwülstige Fernost-Bücher schreiben, vorher mit Leuten wie Preeda Tangtrongchitr plaudern. Eigentlich ist der ja Apotheker. Vierte Generation. Die Apotheke liegt neben dem Tempel von Wat Po. Aber das, winkt Tangtrongchitr ab, sei nicht wichtig. Wichtig sei nur die Schule. Die traditionelle Thai-Massageschule von Wat Po.

Die hat sein Vater - auf Wunsch des Königs - gegründet. Wieder gegründet. "Thailändische Massage war eine viele Jahrhunderte alte Kunst - aber vor rund 150 Jahren geriet sie in Vergessenheit." Weil zur Hochzeit der Kolonialzeit die Symbiose aus den in Thailand zusammenfließenden Kenntnissen indischer, chinesischer und japanischer Heiler plötzlich nichts mehr galt. Weil da nur noch westliche Technik, Ratio und Wissenschaft gefragt waren.

"Man hat kein Nebeneinander zugelassen", erzählt Preeda Tangtrongchitr. Erst 1958, als sein Vater im Tempel von Wat Po die Schule für traditionelle Thai-Massage zu leiten begann, habe die Renaissance begonnen - und wäre beinahe unter den US-Soldatenstiefeln krepiert: Vietnamurlauber "entdeckten" Bangkok. Nachfrage schuf Angebot: Aus seriösen Masseurinnen wurden lockere Masseusen - das, was der ordinäre Europäer sich zu "Thai" und "Massage" denkt, begann mit Vietnam ("Come in handsome!"): "Bangkok ist bis heute ein Opfer des Krieges." Der Apotheker will nicht anklagen. "Wir können nur versuchen aufzubauen, was kaputtgegangen ist. Das wird noch Jahre dauern."

Vor mittlerweile 20 Jahren hat Preeda Tangtronchitr die Schule übernommen - und buttert immer noch das Geld der Familie hinein: Das Wissen über die Technik und jene 51 Griffe, die nicht nur muskuläre, sondern auch organische Leiden lindern helfen können, dürfe nicht Eliten vorbehalten sein, betont der Pharmazeut. Und vor Grenzen nicht Halt machen: Über 40.000 Nicht-Thais haben in den vergangenen 44 Jahren die 60 in die Tempelmauern von Wat Po gravierten Zeichnungen mit den speziellen Thai-Massagepunkten und den Medianen am menschlichen Körper studiert.

Über 4000 Absolventen absolvieren jedes Jahr den viermonatigen Massagekurs ("Aber das ist wie bei allen Dingen im Leben: Erst Erfahrung macht gut", sagt der Meister). Um das ganze Spektrum der - auch staatlich als vollwertiges Heilmittel anerkannten - medizinischen Anwendung der alten Thai-Künste zu erlernen, braucht man aber länger: drei bis vier Jahre. Schließlich zählen detailreiches pharmazeutisches und anatomisches Wissen ebenso zu den Tugenden des massierenden Heilers wie ein solides ethisch-moralisch-philosophisches Fundament.

Seit kurzem besucht der Apotheker mit einer Handvoll seiner 53 Lehrer auch Gefängnisse: "Mit dem, was wir dort lehren, kann niemand etwas Böses tun." Irgendwann in den nächsten Jahren will Preeda Tangtrongchitr nach Europa kommen. In Osaka gibt es schon eine Dependance. In Los Angeles ist eine geplant. "Frankfurt", sagt der Apotheker, "wäre ein guter Platz."

W. wird ungeduldig. Er will auf die Matte. Die Frau mit dem gelben T-Shirt lächelt - und kommt sofort zur Sache. Kein Öl. Kein Kneten - nur der präzise Druck auf jene Punkte, die auf den Tafeln im Tempel des schlafenden Buddha markiert sind. Dehnungen, Beugungen, Streckungen. Und knapp vor der Grenze zum Schmerz ist Schluss. Jedes Mal. Unfehlbar. Mit traumwandlerischer Sicherheit. W. schaut herüber: "Na, immer noch Lust auf einen Thai-Salon in Wien", fragt er mit schläfrigem Grinsen. Im wohligen Dämmerzustand in meinem Kopf ist es schwer, die richtigen Worte zu finden: "Vergiss es." (Der Standard/rondo/11/10/2002)

Info

Wat Po Thai traditional Medical & Massage School, 2 Maharaj Rd., Pranakorn, Bangkok 10200, Thailand. E-Mail:
WatPoTTM@
netscape.net


Flüge nach Bangkok: Eva Air fliegt vier Mal pro Woche von Wien nach Bangkok. Neben der Economy-Class (ab ca. EURO 712 exklusive Taxen) gibt es ein Hybrid aus Economy- und Businessklasse (Sitzabstand: Business, Service: Economy), die so genannte Deluxe Class ab rund
EURO 900. www.evaair.com Tel.: 01 / 710 98 98 0
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