"Hi, wo bist du?"

10. Oktober 2002, 10:37
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SMS-Kommunikation als Literaturform

SMS - Ausdruck des Verfalls der deutschen Sprache oder Bereicherung der Kommunikation? Dieser Frage ist Peter Schlobinski, Vorstand des Instituts für Sprachwissenschaft in Hannover, in einem amüsanten Vortrag in Wien nachgegangen. Nach Milliarden versandten SMS (Short Messaging Services) erscheinen ihm pauschale Ängste vor Kontaktarmut und Sprachverlust bei vorwiegend jugendlichen Nutzern übertrieben. Dies belegte er mit seiner aktuellen Pilotstudie zur nahezu unerforschten Nutzung der Kurzmitteilungen.

Nutzungsgründe

Mit einer Handydichte von mehr als 80 Prozent ist Österreich eines der "mobilsten" Länder Europas. Dabei spielt seit dem erstmaligen Einsatz im Dezember 1992 in Großbritannien die SMS eine wesentliche Rolle. Für Schlobinski ist der Wandel der Schrift vom Aufbewahrungs- zum Echtzeit-Kommunikationsmedium eine spannende Sache. Die medial bedingte Schriftlichkeit habe einen Zeichentransfer aus anderen Medien zur Folge. Vorwiegender Nutzungsgrund sei die Pflege sozialer Kontakte, andere (kommerzielle) Anwendungen stehen im Hintergrund. So verwenden laut Studie 80 Prozent der Befragten SMS für Verabredungen und 65 Prozent für Kurzinfos. Bei Männern steht mit 45 Prozent auch die Bekämpfung der Langeweile im Vordergrund.

Fehlertoleranz, alternative Schreibweisen

Anders als in der E-Mail-Kommunikation herrscht bei der SMS nur scheinbar eine hohe Fehlertoleranz. Bei näherer Betrachtung zeigt sich zwar ein hoher Abweichungsgrad von rund 60 Prozent der Nutzer was Normen wie Groß-/Kleinschreibung betrifft, allerdings meist mit System und aus pragmatischen Gründen. Die umständliche Eingabe und eingeschränkte Ausdrucksmöglichkeiten führen zu Verwendung alternativer Schreibweisen, beispielsweise zu schriftlichem "Schreien" in Großbuchstaben. Weitere populäre Hilfsmittel sind Smileys, durch Buchstaben und Zahlen "gezeichnete" Gemütszustände, und so genannte Inflektive wie *freu* - Anzeichen einer erhöhten "Bildlichkeit" der Sprache.

Durchschnittlich 120 Zeichen pro SMS

Abkürzungen helfen dem Autor, Platz zu sparen und mit der Beschränkung auf 160 Zeichen auszukommen. Gewöhnliche Kürzel vermischen sich dabei mit speziell in SMS verwendeten und persönlichen Codes. Untersuchungen zur SMS-Nutzung in Japan brachten eine Überraschung: Obwohl im technologischen Vorreiterland "schwere" SMS mit bis zu 4.000 Zeichen möglich sind, liegt die durchschnittliche Zeichenanzahl mit 120 Zeichen pro SMS auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland. Auch nach der Einführung von UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) erwartet Schlobinski weiterhin eine zahlreiche Nutzung der sinnvollen Text-Kurznachricht, die zum unerwarteten Erfolg geworden ist. (APA)

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