"Wir platzen aus allen Nähten"

11. Oktober 2002, 20:27
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Hilfseinrichtungen der NGOs errichten "Not-Not-Quartiere" in Lagerhallen, Pfarrsälen, Klöstern und Schulen

Wien - Rund 1.800 Flüchtlinge, die keine Bundesbetreuung erhalten, finden derzeit bei Einrichtungen von Hilfsorganisationen Unterschlupf. "Unsere Kapazitäten sind völlig erschöpft, wir können leider nicht mehr aufnehmen", sagte Caritas-Flüchtlingsreferentin Andrea Huber am Freitag der APA. Werner Kerschbaum, stv. Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, bringt die Situation auf den Punkt: "Der große Rest der obdachlosen Asylwerber irrt weiter in Österreich herum, viele rutschen in die Kriminalität ab".

"Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die meisten Asylwerber ohne Bundesbetreuung in andere EU-Länder flüchten", ist Kerschbaum überzeugt. Das Innenministerium vertröste die Antrag-Stellenden zwar damit, dass das Verfahren weiterlaufe. Ohne Unterkunft sei es aber nicht möglich, überhaupt eine Ladung beim Bundesasylamt zu erhalten. Faktum sei, dass diese Personen bis zu acht Monaten auf die notwendige Einvernahme warten - und das quasi auf der Straße.

Vorübergehende Hilfe findet ein kleiner Teil der Unterkunftslosen bei Hilfsorganisationen wie Caritas, Diakonie, Volkshilfe, Rotes Kreuz sowie Arbeiter-Samariterbund. Im Unterschied zu den vom Bund betreuten Stellen könne den Asylwerbern hier aber lediglich Unterbringung und Verpflegung geboten werden, nicht aber eine Krankenversicherung oder Geldmittel, wie bei den Bundesbetreuungs-Einrichtungen.

Zur Verfügung stehen Flüchtlingsheime und so genannte "Notquartiere", die bereits jetzt schon "aus allen Nähten platzen", wie Kerschbaum bemerkte. In der Schlagergasse im 9. Wiener Gemeindebezirk hat etwa das Rote Kreuz in einem ehemaligen Hotel ein solches eingerichtet. Derzeit sind hier 176 Asylwerber in nur 15 Zimmern untergebracht. "Das sagt schon alles über die Qualität". Sechs freiwillige RK-Helfer kümmern sich schichtweise um die Versorgung der "Gäste". Dass es sich dabei nicht um ein "permanentes Notlager" handeln könne, verstehe sich von selbst.

Für rund 300 bis 400 Personen wurden zusätzliche Schlafmöglichkeiten geschaffen. Für diese "Not-Not-Quartiere" wurden etwa Lagerhallen, Pfarrsäle und Räume in Klöstern und Schulen akquiriert. Auch Familien hätten sich bereit erklärt, jemanden aufzunehmen. "Aber auch diese Möglichkeiten decken den Bedarf nicht ab", resümierte Huber. Gefragt sei daher verstärkte Hilfe des Österreichischen Staates. "Die Asylpolitik soll der Bund machen, da wollen wir uns gar nicht einmischen. Aber wenn die Leute schon einmal in unserem Land sind, muss ihnen in der Not geholfen werden, gerade jetzt, wo der Winter bevorsteht", übte Kerschbaum Kritik. (APA)

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    Blick ins Notquartier des Roten Kreuzes im 9. Wiener Gemeindebezirk

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    Der Direktor der evangelischen Diakonie, Michael Chalupka, Caritas-Generalsekretaer Stefan Wallner-Ewald und Werner Kerschbaum vom Roten Kreuz bei einem öffentlichen Hilferuf nach gescheiterten Gesprächen mit dem Ministerium

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