Der "Sammelleidenschaft" auf der Spur

10. Oktober 2002, 09:14
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Konsumforscher gehen der Frage nach, warum selbst profane Dinge nicht gerne weggeworfen werden

Hamburg - Viele Menschen bringen den Gang zum Müll auch bei profanen und eigentlich billigen Gebrauchsgegenständen wie Stiften nur schwer übers Herz - und Konsumforscher können sich dieses Verhalten heute auch erklären. "Wir arbeiten daran, dass aus einem anonymen Massenprodukt etwas Persönliches wird", sagte der deutsche Konsumforscher Matthias Bode, der derzeit an der University of Illinois (USA) forscht.

Diese Aneignung, die der Forscher "Investition psychischer Energie" nennt, setze nach dem Kauf fast immer ein. "Das kann ebenso ein Kugelschreiber sein, den ich bei wichtigen Prüfungen benutzt habe, oder der Kompassanhänger, der mich an den Traum eines längeren Segeltörns erinnert." Das Sammeln sei lediglich die intensivste Form so einer persönlichen Aufladung eines Produkts.

"Individueller Wert"

"Aus dieser Sichtweise", erläuterte Bode, "steht das Wegwerfen unter dem Problem: Wie entsorge ich etwas, dass etwas Persönliches ist, ein Teil von mir geworden ist?" Bei Katastrophen wie dem Jahrhunderthochwasser könne der emotionale Verlust die materiellen Schäden sogar weit übersteigen.

Neuerdings werde allerdings oft gar nicht mehr das Produkt an sich mit individuellem Wert aufgeladen. Anstatt dass man Herzblut beispielsweise an einen Computer "verschwendet", verleiht man dem Kasten mit lustigen digitalen Figuren im Bildhintergrund eine persönliche Note. Dies könne der Anfang einer in der Forschung bereits seit längerem diskutierten Entwicklung sein, nach der die Menschen das Interesse am Eigentum allmählich verlieren.

Schließlich könne die persönliche Note, sofern sie digitale Formen annimmt, von einem auf das andere Produkt übertragen werden - etwa indem Bildschirmschoner auf einen anderen Computer überspielt werden. Wenn das Gerät selbst kaputtgeht, bleibt nur der materielle, aber kein ideeller Verlust. (APA/dpa)

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