Rippen mit Glatzen

15. Oktober 2002, 00:00
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Der Albtraum aus der eigenen Kindheit ist zurück: Schnürlsamt beherrscht die diesjährige Herbstmode. Stephan Hilpold über das Revival eines lange abgeschriebenen Gewebes und seine (manchmal) rebellischen Träger

Schnürlsamt gilt als modische Todsünde, als der Verlierer unter den Baumwollstoffen. Glaubte man zumindest noch bis vor einigen Jahren. Der vertikal gerippte Stoff war etwas für all jene, die auch sonst unangenehm auffielen. Für all jene, die das anzogen, was Mutti als praktisch und warm empfand, und denen selbst die aufgestickten Lederherzen über den abgewetzten Knien nichts ausmachten. Für die strengen Oberlehrer, die statt Anzug einfach nur Jacketts trugen. Oder für die lustigen Wanderer, die Schnürlsamthosen ganz keck über ihren langen roten Socken trugen.

Schnürlsamt war über Jahrzehnte hinweg schlichtweg out, ja er war sogar ein "Garant dafür, verachtet zu werden". Schreibt zumindest Franziska Roller in ihrem "Buch über den schlechten Geschmack". Eine Einschätzung, die für die Erfolgsstory des Cords, wie unsere deutschen Nachbarn zum Schnürlsamt sagen, aber alles andere als hinderlich war. Denn der negative Beigeschmack von Schnürlsamt machte den Stoff für manche Träger erst so richtig attraktiv. Und scheint über den Umweg der Sechzigerjahre auch für den derzeitigen Boom bei Schnürlsamtmode verantwortlich zu sein.

Cord - zuerst billige Arbeiterkleidung ...

"Wer sich zu Anfang des Jahrhunderts in Cord kleidete, der ging auf Konfrontationskurs", erklärt die deutsche Modetheoretikerin Ingrid Loschek. Wenngleich das aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist, setzten sich die in Schnürlsamt gewandeten Bohemiens der damaligen Zeit mit ihrer Kleidung von einer Oberschicht ab, die verächtlich auf das billige Gewebe blickte. "Cord, das war damals so etwas wie die Jeans in den Sechzigerjahren: eine billige Arbeiterkleidung, die plötzlich zum Label der Rebellion wurde."

Wer Schnürlsamt trug, der machte sich symbolisch mit dem einfacheren Volk gemein. Und das galt in höheren Kreisen nun mal als Affront. Was dabei natürlich ausschlaggebend war, ist die Frage, wie, mit welcher Haltung die Kleidung getragen wurde.

... dann in Neuauflage: schick, solidarisch, "Bohemien" ...

Der intellektuelle Stolz, mit dem sich die Bohemiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Handwerker und Bauern kleideten, konnte man nach dem 2. Weltkrieg etwa in Neuauflage studieren: Jetzt galt es im Kreise der französischen Existenzialisten als schick, in Cord und schwarzem Rolli in den Pariser Kaffeehäusern über die schicksalhafte Einsamkeit des modernen Menschen zu sinnieren. Wer Cord trug, wurde signalisiert, war von den grundlegenden Problemen der Menschheit nicht allzu weit entfernt. Der verbündete sich mit Leuten wie ich und du und war zugleich ein bisschen aufmüpfig. Ein Moment der Nostalgie war den Schnürlsamt-Streifenhörnchen offensichtlich schon damals zu Eigen.

... und heute mit nostalgischem Retroblick

Heute ist der nostalgische Retroblick sogar der Auslöser einer - wenn man so will - Schnürlsamtmanie. Wohin man in diesem Herbst blickt, ein Material ist nicht zu übersehen: Cordsamt. Ob Dolce & Gabbana, Max Mara oder Moschino, ob Haute Couture oder Konfektion, ob Cordsofa oder Cordkissen, ob Nadelsamt, Waschsamt, Damencord, Manchester oder Trenker-Cord, Schnürlsamt ist derzeit überall, und das hat viel mit Nostalgie und noch immer ein wenig mit Rebellion zu tun. Mit einer durch die Kommerzschleife geschickten Haltung von Rebellion, wohlgemerkt.

"Wir leben in einer Zeit, in der man mit Vorliebe auf Bekanntes zurückgreift", erklären sich Modemacher den Trend. Auf Bekanntes wie die Mode der Sixties und damit auch auf Schnürlsamt: ein Gewebe, mit dem viele Schulkinder groß geworden sind (noch immer bestehen viele englische Schuluniformen aus Schnürlsamt), und das auch immer ein Material der Widerständigen war.

Von den Beatles ....

In den Sechzigerjahren waren es etwa die Beatles, die im gerippten Anzug auf die Bühne traten. Legendär noch immer: der grüne Cordanzug von John Lennon, den er 1965 im Beatles-Film "Help!" trug. Wer sich zur Szene rund um die angesagte Londoner Carnaby-Street zählte, kam an dem Baumwollstoff kaum vorbei.

... zu Grateful Dead

Bemerkenswert auch eine Gestalt wie Jerry Garcia. Der Sänger von Grateful Dead erachtete es als sein Markenzeichen, ausschließlich Schnürlsamt zu tragen - vielleicht weil der Gedanke an Cord auch immer einer an viele verschlissene Stellen und aufgenähte Flicken ist. Und die kommen in Rockerkreisen halt besonders gut. "Schnürlsamt wetzt sich sehr schnell ab", bestätigt auch die Textilexpertin Annemarie Bönsch, Leiterin der Abteilung für Kostümkunde an der Angewandten in Wien: "Bevor man sich versieht, ist schon wieder eine Glatze drinnen." Auch das Waschen bereitet Probleme: Während die Jeans mit jedem Waschen cooler aussehen, wird Schnürlsamt immer lappiger. Erst verliert er den Halt, dann die Farbe, dann beginnen sich die Rippen aufzulösen.

"cord du roi" oder Manchesterstoff

Umso verwunderlicher die ursprüngliche Karriere des Stoffes: Im gesamten 19. Jahrhundert war Cord - trotz des nicht wirklich strapazierfähigen Gewebes - das Material, aus dem typische Arbeiterkleidung bestand. Ende des 18. Jahrhunderts wurde Cord erfunden, entgegen dem Glauben vieler allerdings nicht in Frankreich, sondern in England. Corduroy, das englische Wort für Cord, leitet sich zwar vom französischen "cord du roi", "hergestellt für den König", ab. Doch ursprünglich ist der Cordstoff eine Erfindung aus Manchester, weswegen Schnürlsamt auch lange Manchesterstoff oder ganz einfach Manchester genannt wurde. Trotz vieler gegenteiliger Annahmen kann der Schnürlsamt mit königlicher Herkunft nicht punkten, auch wenn es verbürgt scheint, dass sich während der Herrschaft Ludwigs XIV., von 1774 bis zur französischen Revolution 1789, die Jäger des Königs in Cord kleiden mussten. Wirklich edler wurde der Stoff erst in unseren Tagen: durch spezielle Arten, wie man ihn wäscht, und durch die Beifügung von Stretch. Der Stoff wird dadurch flexibler und weicher - und sieht um einiges sexier aus als herkömmlicher Schnürlsamt.

Damit die Assoziation zur eigenen Schulzeit für heutige Träger nicht allzu belastend wirkt, haben sich mittlerweile natürlich auch die Schnitte verändert; die Hosen sitzen tief auf der Hüfte, haben geräumige Taschen in Oberschenkelhöhe. Viele Modelle versuchen sich in einem Patchwork aus Cord und Jeansstoff. Und: Selbst beim Cord ist "Used-Optik" in. Das heißt: helle Flecken, Löcher, abgewetzte Kanten. "Runtergewaschen" nennt das Fachblatt Textilwirtschaft den Zustand, der den Müttern der Siebziger ein Albtraum gewesen wäre. Hauptsache aber, der Albtraum der damaligen Schulkinder ist mittlerweile wieder tragbar. (DER STANDARD, rondo/11/10/2002)

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