Die Venezianersäge am rauschenden Bach

4. Oktober 2005, 11:13
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Im Villgratental in Osttirol wirbt Wasserkraft für Ökotourismus

Mit einer Stange öffnet der Sägemeister einen Schieber, und dann ergießt sich der Wasserstrom auf ein hölzernes Schaufelrad. Knarrend beginnt sich das Rad zu drehen und setzt eine imposante Zugsäge in Gang, die das Ende eines Lärchenstamms kappt. Ein zweiter Schieber wird geöffnet, jetzt schießt Wasser über eine steile Holzrinne auf ein weiteres Schaufelrad. Dieses bringt ein senkrecht stehendes Sägeblatt in rasche Auf- und Abbewegungen, ein Hebelwerk zieht den Lärchenbloch ruckweise auf die Säge zu, die sich ratternd ins harte Holz frisst und von diesem ein 25 Millimeter dickes Brett wie in Zeitlupe abschneidet.

Jetzt setzt ein neuer Wasserschwall das dritte Schaufelrad in Bewegung: Über ein System von Rädern und Riemen bringt es eine Kreissäge auf Touren, mit der die Bretter gesäumt, also an ihren Längsseiten gerade geschnitten werden. Mehr als fünfzehn Minuten dauert es, vom Kappen bis zum Säumen, und auf diese Weise schafften nur zwei Männer, die sich in Tag- und Nachtschichten ablösten, bis zu 2000 Kubikmeter Schnittholz im Jahr. Keine Frage, dass diese Art der Holzverarbeitung mit Wasserkraft längst nicht mehr rentabel ist.

Acht Sägemühlen gab es im innersten Villgratental in Osttirol, und von diesen existiert nur mehr eine, als Zeugin vorindustrieller Kultur. Die Wegelate-Säge, benannt nach dem Hof ihres Besitzers, ist eine so genannte "Venezianersäge", wie sie schon im 16. Jahrhundert von italienischen Holzhändlern im ganzen südlichen Alpenraum verbreitet wurden. Sie war einfach zu bauen, leicht zu bedienen und mit wenig Aufwand in Stand zu halten. Riss eine Lawine oder ein Hochwasser sie weg, so war sie meist nach wenigen Monaten wieder aufgebaut.

1883 errichtet, war die Wegelate-Säge bis 1967 in Betrieb, dann verfiel sie langsam. Dass sie vor zwölf Jahren auf Initiative des 1986 gegründeten "Villgrater Heimatpflegevereins" wieder originalgetreu in Stand gesetzt wurde, hat viel mit dem Selbstverständnis der Tausend-Einwohner-Gemeinde Innervillgraten zu tun, die erkannte, dass nur die Landwirtschaft in Verbindung mit einem sanften Tourismus ihr Überlebenschancen bietet. Die Mehrzahl der Gäste, die in den 350 Fremdenbetten übernachten, sind im Winter Langläufer, Skitourengeher und im Sommer Wanderer und Mountainbiker.

Wer als Gast in dieses Tal mit seinen steilen Wiesen, tosenden Bächen und hoch über dem Grund klebenden Höfen kommt, soll erfahren, wie hier in früheren Zeiten gelebt und gearbeitet wurde. In einem nicht mehr benutzten Heustadel werden daher bäuerliche und handwerkliche Geräte ausgestellt, und neben dem Sägewerk, für das die Gemeinde den "Europa Nostra Preis" und den "Henry Ford Umweltpreis" einheimste, wurde auch eine Wassermühle im Winkeltal bei Außervillgraten wieder in Gang gebracht.

Beide Anlagen sind zwar Schaustücke, produzieren aber auch Nützliches. Das Vollwertmehl der Wurzer-Mühle ist ein vermarktbares Bioprodukt, und die Bretter, die in der Wegelate-Säge geschnitten werden, finden bei der Wiederinstandsetzung alter Bausubstanz Verwendung. Dass die Dächer der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, auf Initiative des Heimatpflegevereins und subventioniert vom Land Tirol, wieder mit selbstgehackten Holzschindeln gedeckt werden, hat einen wirtschaftlichen Effekt.

Innervillgraten ist zur beliebten Kulisse für Filmproduktionen geworden. Auch wenn das Hochtal in diesen Filmen wie "Heidiland" aussieht, sind die Einwohner doch zeitbewusste, auf ihren wirtschaftlichen Vorteil bedachte Realisten. Das Fleisch ihrer Lämmer liefern sie an die Gastronomie von ganz Osttirol, Kärnten und Salzburg, und da Wollpullover nicht mehr so gefragt sind, wird die Schafwolle zu Wärme- und Schalldämmstoffen verarbeitet.

Die Triebkräfte hinter dem Heimatpflegeverein sind unter anderen der Geschäftsführer des Tourismusverbands und ein Gastwirt, der auf 1400 Metern Seehöhe ein erfolgreiches Haubenlokal betreibt. Vor Jahren ließ der Villgrater Heimatpflegeverein mit einer sommerlichen Veranstaltungsreihe, der "Kulturwiese", aufhorchen. Sie stieß auf wenig Gegenliebe bei der Bevölkerung. Übrig geblieben ist eine Komposition des international erfolgreichen Osttiroler Avantgardekomponisten Wolfgang Mitterer: die "Waldmusik für ein venezianisches Sägewerk". (Horst Christoph/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Info

Tourismusverband Innervillgraten
Tel.: 04843 / 5194
E-Mail: tvb.innervillgraten
@utanet.at


www.innervill
graten.info


Wegelate-Säge: Im Sommer regelmäßige Führungen. In der Nebensaison bei genügend Wasserführung für Gruppen auf Anfrage. Voranmeldung im Tourismusverband-Büro.

"Waldmusik für ein venezianisches Sägewerk" von Wolfgang Mitterer. Auf CD "mimemata", olongapo Nr. 007/1994
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