Saharafestival: Schwimmen im Sandmeer der Liebe

15. Oktober 2002, 17:52
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In Douz, der letzten großen Siedlung vor der Sahara, findet zur Zeit der Dattelernte das Saharafestival statt. Dieses dient auch als überregionaler Heiratsmarkt

Die "Königin der Oase" ist schlank, schmal und mit fünfzehn schon ziemlich ausgewachsen. Hundertjährig wird sie manchmal, und sie ist stark. Dreißig bis hundert Kilo kann sie tragen, allerdings nur Datteln, und auch das nur im Herbst. Neu gekürt muß sie nicht mehr werden, die Königin der Oase, seit Jahrhunderten hat sie diesen schmucken Beinamen abonniert.

Überall im südlichen Tunesien und schon gar in Douz kommt der weiblichen Dattelpalme diese adelnde Bezeichnung zu. Wohl auch wegen ihrer wiegenden Eleganz, und vielleicht auch ein bisschen wegen des geschwätzigen Tuschelns der Blattwedel, die heute am Rande der großen tunesischen Palmenhaine von Tozeur, Nefta, Kebili und eben auch Douz mitunter recht trocken und verdörrt ausfallen.

Sesshaft gewordene Berber, das Anwachsen der Bevölkerung, nicht zuletzt auch der Bau von Wasser verschwendenden Hotels haben der mit 400.000 "Königinnen" größten Palmeraie des Landes eine Wasserknappheit beschert, die die Wüste heute stärker denn je an den Rändern der Palmgärten knabbern lässt. In weichen Wellen schiebt sich der Saum der Sahara an Douz heran, und einige weiter südlich gelegene Dörfer hat "Bahr bela ma", das Meer ohne Wasser, bereits geschluckt. Doch auch da ist die Königin der Oase zur Stelle, spendet Palmblätter für immer neue Djerid-Fangzäune, die in Douz, der letzten großen Siedlung vor der

Sahara, den Vormarsch der Dünen des Grand Erg Oriental aufhalten sollen. Sand schaufeln bis Ende nie. Für die Menschen des Grand Sud, des Großen Süden, ist auch dies Teil ihres Lebensrhythmus. Aber eben nicht nur. Douz, die Datteln, die Damen, die Wüste, das Fest. Da gibt es einen Zusammenhang. Auch einen saisonalen. Wenn im Oktober die Temperaturen milder werden, die Wüstennächte kälter, leuchten die knallroten Früchte in den Kronen. 300 Dattelsorten gibt es im Land, in Douz gedeiht vor allem die beste - Deglet en Nour.

Süß und nahrhaft ist dieses "Gold der Oase", und trotz der neu geschaffenen Jobs in den umliegenden Hotels stellt sie für viele der hier lebenden Halbnomaden immer noch die traditionelle Einkommensquelle dar. Gut gefüllte Dattelkörbe machen Freude - und so ist die Zeit der Dattelernte auch die beste Saison für lokale Feste, wobei sich jenes von Douz zum größten des Landes mauserte. Jeden Dezember findet hier das Saharafestival statt. Ein von Reisebussen belagertes, zugleich auch von Berbern aus allen Teilen des Maghreb besuchtes Guckloch in Richtung Berberkultur. Mit von der Partie: Burschen mit wildem Blick über aufgedrehten Schnurrbartenden. Und Berbermädchen, die für diesen Termin ziemlich herausgeputzt am "Espace Haniche", am Wüstenstadion, erscheinen.

Verschleiert ist hier bestenfalls der Blick. Denn vor allem ist klimperndes, kiloschweres Goldgehänge und prächtiges Tuch angesagt. Der Douzer Saharasaum erblüht zur Festivalzeit nämlich auch zum überregionalen Heiratsmarkt. Haare im Wind, weiße Pferde, Sanddünen. Die Details des Wüstenspektakels haben das Zeug zum Schnulzenroman, und so drängt sich zunächst einmal martialisch werbendes Gehabe ins Bild, die im Sande verlaufende Show der tunesischen Kavallerie-Kavaliere. Mit Kriegsspielzeug-Verbot hat man es in Douz jedenfalls nicht besonders, aber zumindest hat der Macho-Look etwas Rebellisches, Autonomie verheißendes an sich. Gleißende Säbel, doppelt über die Brust gekreuzte Patronengurte und Vaters guter Vorderlader rufen nämlich auch die Tradition der seit Beduinen-Gedenken gegebenen Fantasia-Reiterspiele wach.

Araberhengste, die heute vor allem um Kairouan und in Maknassy, westlich von Sfax, gezüchtet werden, preschen vor johlendem Publikum im gestreckten Galopp vorüber, und die Einzigen, die sich dabei langweilen, sind die darauf mitrasenden Reiter. Immerhin treiben sie ja alle möglichen Faxen, die selbst bei weniger rasanten Transportarten, etwa im Airport-Bus, weltweit untersagt sind. Als da wären: Aufstehen vom Sitz/Sattel während des Galopps. Kopfstandmachen auf selbiger Sitzfläche. Hinüberspringen auf den Rücken des Nebenpferdes.

Alles halt was Eindruck macht: auf die kennerisch dreinblickenden Alten, auf die kleinen Brüder, die sich soeben zum Windhund-Wettlauf bereitmachen, und wohl auch auf die Schönen der Sahara, die sich nur wenig später revanchieren. Mit dem Haartanz der Beduinen beispielsweise, dem Alptraum aller Dorfbarbiere. Denn eines muss man den Mädchen, die zu diesem Anlass weder uncooles Haarnetz, noch Zöpfe, Flechtkränze oder Knoten, sondern schlicht tiefschwarze Dickichte auf der Kopfhaut tragen, schon lassen: Sie stellen mit dem fein choreographierten Geschüttle und Gekreise ihrer Haar-Urwälder sogar die später gegebene Profi-Bauchtanz-Nummer in den Schatten.

Vom Tonkrug-Akrobaten gar nicht erst zu reden, auch wenn dieser mit zwölf übereinander gestapelten Stücken biegsam tanzend jeden Töpfer im Publikum auf Aufträge hoffen lässt. Doch die Show must gallop on. Selbstverständlich auch dank der hochgezüchteten Mehari-Kamele, die in den Disziplinen Kamelkampf, Wettlauf, schönste Sonnenuntergangs-Kulisse ihre Rolle recht souverän spielen. Von den im typischem Tuaregsattel, dem "rahla" thronenden Berberburschen mit ihren weißen Turbanen gar nicht erst zu reden.

Das Schau-Spiel zwischen Mann und Frau, das dem viertägigen Sahara-Festival schillernde Gewänder und auch die eine oder andere Eheanbahnung beschert, zieht sich als leises Motiv durch alle Festivaltage hindurch. Weswegen zum Abschluss des Spektakels denn auch eine traditionelle Berberhochzeit inszeniert wird, komplett mit rundum verhängter Kamelsänfte für die Braut, und mit Gewehrsalven ins Blaue hinein.

Vorreiter hinsichtlich der rechtlichen Stellung der Frau in islamischen Ländern ist Tunesien, das Heiratsalter für Frauen liegt bei siebzehn, die Polygamie gilt als abgeschafft. Bleibt freilich immer noch die Tradition der hier lebenden Wüstenvölker, die strikt nach Männern und Frauen getrennte Festival-Tribüne. Und nicht zu vergessen die Chance, das ins Auge gefasste Herz auch ohne Handstand auf dem Hengst zu knacken. Etwa beim Poesiewettbewerb im Maison de culture, einer kulturellen Parallelveranstaltung, wo kriecherisch vom netten Präsidenten gedichtet wird. Aber auch Inbrünstigeres, vom Schwimmen im Sandmeer der Liebe und von der Angebeteten olivheller Haut. (Robert Haidinger/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

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    Hohe Reitkunst und wilde Reiterspiele

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