von Clarissa Stadler
Blassbeige, Blassgrün, Blassbraun

10. Oktober 2002, 23:04
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Die Finger der Reisebüroangestellten bearbeiten im Staccato-Takt die Tasten des Computers, um mit einem energischen Schluss die Enter-Taste zu treffen. 7.15 Uhr. Auf dieser Maschine ist noch ein Platz frei. 7.15 Uhr. N. beginnt zu kalkulieren. Um 6.15 Uhr am Flughafen sein. Für 5.45 Uhr das Taxi bestellen. Um 5.00 Uhr aufstehen.

Die Reisebüroangestellte legt einen Prospekt vor. N.'s Blick fällt auf ein Grandhotel, dessen schneeweiße Fassade aus einer atemberaubenden Perspektive fotografiert ist. Wahrscheinlich an Londons einzigem nebelfreien Tag. N. rechnet den Zimmerpreis pro Nacht von Pfund in Euro, von Euro in Schilling um. Bei jedem Rechenschritt wird klarer, dass N. das Russell-Hotel immer nur von außen sehen wird.

Die Fotos jener Hotelzimmer, die sich rund um sein persönliches Preislimit bewegen, machen N. Angst. Es sind Räume, deren farbliche Ausstattung an frühe Farbfilme erinnert. Blassbeige, Blassgrün, Blassbraun. N. denkt an die Trostlosigkeit der ersten Nacht in diesem Zimmer, an den Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem der Teppichboden flächendeckend bearbeitet wurde.

N. schließt die Augen und stellt sich einen Samstag zu Hause vor. An die Wochenendbeilagen der Zeitungen, die er diesmal alle lesen würde, die Beine auf dem Tisch, neben sich eine riesige Tasse Milchkaffe, die sich, wie von Geisterhand, ständig nachfüllen würde. Im Idealfall, wenn das Wetter sehr schlecht wäre, würde er möglicherweise, oder sogar ziemlich sicher, endlich die siebenbändige Ausgabe von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen beginnen, die ihm seine Ex-Freundin vor vier Jahren unter den Christbaum gelegt hat. Eine geschmacklose Anspielung, damals. Die Liebe zu Proust hat länger gehalten.

Es schwingt ein gereizter Ton mit, als die Reisebüroangestellte den Katalog zurückfordert. Und? (Der Standard/rondo/11/10/2002)

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