Francis Mer - Bärbeißig und national

9. Oktober 2002, 19:23
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Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister durchkreuzt EU-Pläne

Sucht Francis Mer Ärger? Finanzminister Karl-Heinz Grasser sah jedenfalls am Dienstag nach der Ecofin-Tagung in Luxemburg eine "Provokation" im Verhalten seines französischen Amtskollegen. Der Pariser Wirtschafts- und Finanzminister hatte erklärt, Frankreich habe derzeit "andere Prioritäten" als eine rigorose Budgetdisziplin, etwa die Erhöhung der Militärausgaben oder die Wirtschaftsankurbelung.

Nicht nur dass Paris damit in der Euro-Gruppe völlig allein dasteht: Auch Mers herablassender Ton stieß den Sitzungsteilnehmern sauer auf. "Wir befinden uns in einem Europa, wo die Budgetpolitik und die Politik ganz allgemein noch unter der Kontrolle der einzelnen Staaten stehen", belehrte der Pariser Minister nach der Sitzung. "Sie erinnern sich, dass es in Europa noch Einzelstaaten gibt, die ihre eigene Entwicklung haben."

All diese Aussagen stammen von einem überzeugten Europäer. So definiert sich der 63-jährige Ingenieur selbst. Und im Unterschied zu vielen Lippenbekennern hat Mer seine Überzeugung schon mehrfach unter Beweis gestellt. So auch als Chef des französischen Usinor-Konzerns, den er 2001 mit der luxemburgischen Arbed und der spanischen Aceralia zum größten europäischen Stahlkonzern fusionierte. Als Präsident des "Cercle de l'industrie", der französischen Wirtschaftslobby in Brüssel, polterte Mer bereits gegen die "unredlichen" US-Zölle auf Stahlimporte aus der EU.

Im April berief ihn Staatschef Jacques Chirac völlig überraschend zum neuen Wirtschaftsminister. Die Rechnung ging bisher nur halb auf. Mer passt in seinen Job wie ein Stahlarbeiter in eine Uhrenwerkstätte. Im postmodernen Wirtschaftsministerium "Bercy" im Osten von Paris geben Technokraten, Buchhalter und Kommunikationsberater den Ton an, nicht Haudegen wie Mer, die kein Blatt vor den Mund nehmen.

Den Finanzbeamten stellte er gleich einmal einen Stellenabbau in Aussicht, und die Journalisten nannte er despektierlich "Künstler", als sie widersprüchliche Aussagen Mers als solche entlarvten.

In der Politik hat Mers Bärbeißigkeit weniger Erfolg. Weder in Brüssel noch in Paris. Und in Brüssel noch weniger als in Paris. Denn so lauthals französische Diplomaten dort die europäische Idee preisen, so egoistisch vertreten sie eigene, das heißt nationale Interessen.

Dazu kommt die persönliche Seite Mers: Weil er auch auf dem Pariser Parkett wie ein Elefant im Porzellanladen auftritt, und weil er natürlich weiß, dass Chiracs Wahlversprechen mit den EU-Defizitvorgaben nicht vereinbar sind, steht er zu Hause selbst unter massivem Druck. Und wer auf dem Schleudersitz sitzt, nimmt auf andere noch weniger Rücksicht.

(DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2002)

Von Stefan Brändle
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