Klassenkampf mit Blick aufs Meer

9. Oktober 2002, 22:09
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Der US-Fotograf Allan Sekula, für "Auf Tränengas warten" Camera-Austria- Preisträger 2001, im STANDARD-Interview

Sozialdokumentarische Fotografie hat durch Allan Sekula ein anderes Gesicht bekommen. Dafür, im Besonderen für seine Serie "Auf Tränengas warten", erhielt der US-Amerikaner den Camera-Austria-Preis 2001. Mit ihm sprach Doris Krumpl.


Wien/Graz - Bilder von heroisierten Arbeitern oder aber auch verwackelte Shots von heroinsüchtigen Drag-Queens wird man auf den Fotoserien des amerikanischen Fotografen Allan Sekula (51) nicht finden.

Zum Glück. Er sucht auf unprätentiös spektakuläre Weise andere Formen der sozialdokumentarischen Fotografie, oft kombiniert mit klugen Texten. Sein Zyklus Fish Story war heuer auf der Documenta vertreten. Für seine 81-teilige Diaserie über die Demonstrationen gegen die Weltwirtschaftskonferenz 1999 in Seattle, Waiting for Tear Gas, erhielt Sekula in der Vorwoche den Fotopreis der Camera Austria 2001. In deren Grazer Räumen am Sparkassenplatz 2 ist das Werk bis 18. Oktober ausgestellt.
STANDARD: Wie kam es, dass Sie 1999 direkt am Ort des Geschehens waren?
Sekula: Ich hatte in Seattle zu arbeiten, da ich meine Fish Story in der universitär verbundenen Henry Art Gallery ausstellte. Das war übrigens eine der wenigen Kunstausstellungen, die von Hafenarbeitern unterstützt wurde. Die Proteste kamen nicht überraschend.




STANDARD: Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Sekula: Ich dokumentierte nicht nur in der Fish Story Schicksale und Arbeit von Hafenarbeitern, weil diese Berufsgruppe schon früh eine besondere, wichtige Sicht auf die Globalisierung hatte. Bei ihnen beobachtete ich, dass sie einen globaleren Blick haben als viele Konzernchefs, die nur in sehr kurzen Etappen planen und vom immer größerem Wachstum träumen. Die Arbeiter spürten das Ungleichgewicht aus erster Hand: Rohmaterial verließ das Land, Fertigprodukte aus China oder Vietnam kamen herein. Globaler Handel ist eben nicht nur eine Frage des Mausklicks.

STANDARD:
Warum startete alles ausgerechnet in Seattle?

Sekula: Einige Dinge übersahen die Planer der WTO-Konferenz: Seattle ist eine Hafenstadt mit spezieller Lage, gleichzeitig das Symbol für die New Economy, und sie hat eine enorme Jugendkultur, die ihren Ärger und ihre Verunsicherung lautstark artikulierte. Vor allem die New Economy und ihre Folgen birgt und barg absolute Unsicherheit - keine Krankenversicherung etwa, Hire-&-Fire-Jobs -, das, was man netterweise "Flexibilität" nennt.

STANDARD: Wie erlebten Sie die Seattle-Demos?

Sekula: Absolut friedlich seitens der Demonstranten, fast im Gandhi-Stil. Ich spürte eine neue Art von Energie, die sich von den Sixties immens unterschied.

STANDARD: Wie kamen diese Fotos zustande?

Sekula: Ich ging drei Tage lang umher, von sieben am Morgen bis drei Uhr früh. In der Nacht kam es zu den Konfrontationen zwischen Demonstranten und Polizei. Ich befand mich im Gegensatz zu Pressefotografen mitten unter den Leuten. Ein Antifotojournalismus: keine Blitze, kein Zoom, kein Autofocus, keine Gasmaske ... Ich wählte meinen Bildausschnitt aus, die Lichttöne. Es schwebte mir eine Reihe von Filmstills vor.

STANDARD: Der Hafen, das Meer und die Schifffahrt ziehen sich meistens als Thema durch Ihr Werk, warum?

Sekula: Das Meer als Metapher hat eine lange Tradition. Es ist interessant, dass etwa auch Bill Gates, der moderne Informationstechnologien propagiert, das 19.-Jahrhundert-Bild eines Schiffbruches zum höchsten Preis für ein US-Bild erwirbt. In einem offenen Brief habe ich ihn nach dem Grund gefragt. Als Seattle startete, titelte die New York Times "Schiffbruch in Seattle".

STANDARD: Mit der Titanic-Recherche gingen Sie auch einem Mythos auf den Grund.

Sekula: 1997 fotografierte ich das Titanic-Filmset in Mexiko, wo durch die künstlichen Überflutungen vielen Menschen dort ihre Lebensgrundlage, der Muschelfang, entzogen wurde. Vom Erfolg des Filmes, der romantisch ein Funktionieren der Klassen im Sinne eines (sexuellen) Austausches zeigt, haben die Leute freilich nichts abgekriegt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2002)

  • Motiv aus "Five Days That Shook the World: The Battle for Seattle and Beyond"(Verso Books; Fotos von Allan Sekula)
    foto: verso

    Motiv aus "Five Days That Shook the World: The Battle for Seattle and Beyond"
    (Verso Books; Fotos von Allan Sekula)

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