Kaffee billig wie schon lange nicht

9. Oktober 2002, 19:13
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Überproduktion hält Preise tief - Mokka im Kaffeehaus bleibt wegen Zuschlägen aber teuer

Wien - Röstkaffee ist so billig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Grund dafür ist in erster Linie die Überproduktion an braunen Bohnen, die den Kaffeepreis bereits im Vorjahr in den Keller rasseln ließ. Durch den verschärften Wettbewerb seien die Margen geschmolzen und die Preise "dorthin gekommen, wo sie jetzt sind", sagte der Chef von Eduscho/Tchibo, Harald J. Mayer, dem STANDARD. Mit einer Verteuerung sei bis auf weiteres nicht zu rechnen.

Prognosen zufolge dürften die Ernten nahezu sämtlicher Anbieter, insbesondere Brasiliens, Kolumbiens, Mexikos und Indonesiens, erneut reichlich ausfallen. Da der Kaffeeverbrauch weltweit aber um kaum mehr als ein Prozent pro Jahr steigt und der Kaffeedurst in einigen gesättigten Märkten wie Euroland und USA nachlässt, werden die bereits extrem hohen Vorräte zwangsläufig weiter steigen. Nach Einschätzung der Economist Intelligence Unit, eines Unternehmens der Londoner Economist-Gruppe, werden sich die Vorräte im laufenden Wirtschaftsjahr gegenüber 1998/99 nahezu verdoppeln und damit fast für die Bedarfsdeckung eines ganzen Jahres reichen.

Keine Preisänderungen

Josef Adam, Chef der Regio-Rösterei in Marchtrenk, rechnet zumindest bis zum Ende des Weihnachtsgeschäfts mit keinen Preisänderungen. Gegenüber dem Vorjahr seien die Preise um bis zu 25 Prozent gesunken, statt gut sechs Euro koste die Kilopackung Kaffee derzeit im Durchschnitt fünf Euro. Für den Regio-Chef, der in Marchtrenk mit einer Kapazität von 6000 Tonnen exklusiv Kaffee für die Spar-Gruppe röstet, ist entscheidend, wie sich das weltgrößte Kaffeeanbauland, Brasilien, verhält. "Nach den Stichwahlen wird man sehen, ob es weiter Geld für die Pflanzer gibt, damit die nicht den ganzen Kaffee auf den Markt werfen", sagte Adam. Da Kaffee wie Erdöl in Dollar gehandelt wird, sei für die künftige Preisentwicklung von Kaffee in Europa auch der weitere Kursverlauf der US-Währung mit entscheidend. Adam: "Steigt der Dollar infolge eines Irakkriegs, wird sich Kaffee bei uns verteuern."

An Kaffeehausbesuchern in Österreich ist der Preiseinbruch bei Rohkaffee spurlos vorübergegangen. "Wir können nicht bei jeder Preisänderung die Getränkekarte einstampfen und neu drucken", sagte der Vorsteher der Fachgruppe Kaffeehäuser und Besitzer des Café Weimar in Wien, Maximilian Platzer. "Außerdem verwenden wir hochwertige Kaffees, und dort haben wir im Einkauf keine Verbilligung gespürt." Die letzte gröbere Verteuerung von Melange und Mokka hat es im Zuge der Euro-Umstellung gegeben. Eine Preiserhöhung zeichne sich in nächster Zeit nicht ab, sagte Platzer. In guten Wiener Kaffeehäusern mit entsprechendem Zeitungsangebot sind für die Schale Melange derzeit zwischen 2,90 und 3,20 Euro zu zahlen, für den kleinen Mokka zwischen 1,90 und 2,20 Euro und für den großen Braunen zwischen 3,10 und 3,40 Euro. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe 10.10.2002)

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    Seit Jahren wird mehr Kaffee geerntet als verbraucht. Die Lager sind voll, die Preise im Keller.

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