Fallende Blätter im Herbst

7. Oktober 2003, 19:31
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Krisenstimmung: Weniger Aussteller, Litauen ohne viel Glanz, "Bertelsmann im Dritten Reich"

Krisenstimmung bei der 54. Buchmesse in Frankfurt: Erstmals ist die Zahl der Aussteller rückläufig. Gastland Litauen vermag das Glanzvakuum nicht recht aufzufüllen. Und der Bericht über "Bertelsmann im Dritten Reich" erschreckt.

Cornelia Niedermeier aus Frankfurt am Main


Eine Anzeige des TV-Kulturkanals Arte ziert die Folder der Buchmesse. Sie zeigt einen Leser, der mit seinem Buch unter dicken Schichten toten Herbstlaubs begraben zu werden droht. In anderen Jahren hätte dieses Motiv als romantisch durchgehen können. Heuer aber gerät es unfreiwillig zum Sinnbild der Tristesse, die am Eröffnungstag allenthalben spürbar war. Grau lastet ein deutscher Herbst über der größten Bücherschau. Rezession und Pisa-Studie lauten die Reizwörter, die in allen Reden wiederklingen und sich wie Mehltau über jede Veranstaltung zu legen scheinen.

Selbst die morgendliche Pressekonferenz im Kongresssaal mit dem viel versprechenden Titel "Harmonie" sorgte nicht für Optimismus. Besorgnis tönte die Rede von Volker Neumann, dem neuen Direktor der Buchmesse, der diese Stellung erst Anfang September antrat, nachdem sein Vorgänger, Lorenzo Rudolf, überraschend in die Wüste geschickt worden war.

Neumann obliegt es nun, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Messe selbst von der Rezession betroffen wurde. Erstmals ist die Zahl der Aussteller rückläufig. Und auch Verlage, die weiterhin nach Frankfurt kommen, reduzieren ihre Flächen. Die Bertelsmann-Buchgruppe Random-House etwa, größte deutsche Verlagsgruppe, verringerte ihre Standfläche um über zwanzig Prozent.

Das Merkwürdige an der hochnervösen Krisenstimmung der Branche ist der Umstand, dass sie nicht wirklich auf Fakten beruht. Im Unterschied zu anderen Wirtschaftszweigen wird der tatsächliche Umsatzrückgang im Jahr 2002 auf lediglich ein Prozent geschätzt. Allein, es sind die Einzelmeldungen, die das Gesamtbild einschwärzen. Einbrüche gibt es bei Fachzeitschriften-Verlagen, den elektronischen Buchmedien und profitorientierten Konzernen wie Bertelsmann oder Springer.

Kleine klagen kaum

Während engagierte Kleinverlage kaum über Verkaufsrückgänge klagen. Ihre Leser scheinen krisenresistent, weil sie Bücher gezielt nach Interesse erwerben und auf den Kauf der Titel, die ihnen wichtig sind, auch bei Geldknappheit nicht verzichten mögen. Allein der Zufallskauf, der Griff zum im Grunde überflüssigen Buch wird seltener.

Viel spräche also für eine Rückkehr zum guten Buch. Die künstliche Aufblähung des Marktes mit auflagenstarken Kommerztiteln scheint in Zeiten der Rezession an ihre Grenzen gelangt. Diesen nämlich ist nur ein kurzes Leben beschieden. Bereits nach wenigen Monaten mutieren sie zu Altpapier. Während wertvolle Bücher sich im Laufe der Jahre zu einer Backlist summieren, die langfristig Profit verspricht.

"Bücher auf den Markt zu bringen, von denen man weiß, dass sie sich nie rechnen", lautete denn auch die im Krisenumfeld verwegene Forderung des scheidenden deutschen Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin bei seiner Eröffnungsrede. Nur so könne er rechtfertigen, mit dem Gesetz zur Buchpreisbindung, das vor einer Woche, am 1. Oktober in Deutschland in Kraft trat, massiv in den Markt eingegriffen zu haben.

Nida-Rümelins Anwesenheit minderte übrigens die psychologische Katerstimmung mitnichten. Sprang er doch - wie bereits im letzten Jahr - für den als Eröffnungsredner angekündigten Kanzler Gerhard Schröder ein, dem diesmal die Koalitionsgespräche ausreichend Grund boten, Frankfurt zu meiden. Nichts wollte recht passen in diesem Jahr. Nida-Rümelin ist irgendwie schon im Aufbruch aus dem Amt, seine Nachfolgerin, die ehemalige Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, seit Montag bereits benannt. Messe-Chef Volker Neumann hingegen ist noch nicht richtig im Amt, in Detailfragen spürbar uninformiert.

Und auch dem diesjährigen Gastland Litauen wollte es nicht recht gelingen, das Glanzvakuum aufzufüllen. Geradezu rührend muteten die vierzehn Bücher an, die im litauischen Salon etwa die Buchwand "Aa: Literatur - Prosa" schütter füllten.

Messe mit Menetekel

Wie kompliziert das Verhältnis Deutschlands zu seinem Literaturgast in Wahrheit ist, zeigte unvermutet noch eine weitere Enthüllung an diesem Dienstag. Während die Redner die Entdeckung des Literaturlandes Litauen beschworen, tauchte der Name Vilnius in ganz anderen literarischen Zusammenhängen auf, die in Frankfurt dezidiert verschwiegen wurden.

Just in Vilnius nämlich hatte Bertelsmann, dessen Marketingleiter Neobuchmessenchef Volker Neumann bis vor kurzem war, während des Krieges NS-Druckaufträge erfüllt, als aufgrund der Auflagenexplosionen die eigenen Kapazitäten erschöpft waren. Als Arbeitskräfte hatte Bertelsmann Juden aus dem Getto zwangsbeschäftigt.

Es mutet wie eine aufklärerische Ironie des Schicksals an, dass diese Erkenntnisse genau einen Tag vor Buchmessenbeginn bekannt gegeben wurden. Sie sind das Ergebnis der vierjährigen Arbeit einer Historikerkommission, die Bertelsmann selbst eingesetzt hatte, als ruchbar wurde, dass die Jahrzehnte hindurch behauptete Opposition des einstigen protestantischen Provinzverlages gegen den Nationalsozialismus nicht recht der Wahrheit entsprach.

Das Gegenteil war der Fall, stellten die vier Forscher um den israelischen Historiker Saul Friedländer in ihrem 750 Seiten starken Forschungsbericht "Bertelsmann im Dritten Reich" fest. Vielmehr hatte der Konzern mit Großaufträgen der Nationalsozialisten den Grundstein zu seinem späteren Vermögen gelegt, hatte in Millionenauflagen so genannte Kriegserlebnisbücher nationalsozialistischer Autoren für die Frontsoldaten geliefert.

Die Profitgier hatte die protestantische Ethik mühelos überrannt. Die erschreckende Veröffentlichung schwebt nun wie ein Menetekel über einer Messe, die immer wieder beschwört, dass das Buch keine Ware sei.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2002)

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