Kurt Wüthrich: Begnadeter Forscher und schwieriger Mensch

9. Oktober 2002, 17:16
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Grazer Biochemiker: "Preis war fällig"

Zürich - Der Schweizer Biophysiker Kurt Wüthrich (64) gilt unter Kollegen als hervorragender Wissenschafter, aber menschlich nicht ganz einfach. "Wüthrich kann recht barsch und grob sein, wenn ihm was nicht passt", beschreibt Prof. Wolfgang Baumeister, einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried, seinen Kollegen. "Aber wenn man ihn gut kennt, kann man gut mit ihm klarkommen."

In den vergangenen Jahren befasste er sich unter anderem mit der Analyse von Prionen-Krankheiten wie BSE und Creutzfeldt-Jakob. "Er war an der Aufklärung der Struktur des Prion-Proteins maßgeblich beteiligt", erklärt Baumeister. Im Dezember 2000 machte Wüthrich von sich reden, als er darauf verwies, dass die chemische Struktur der Prionen-Proteine von Mensch, Rind und Schwein sehr ähnlich sind.

Unvermindert aktiv

Seit 1969 ist Wüthrich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich tätig und forscht seit einiger Zeit auch am Scripps Research Institute in La Jolla (US-Bundesstaat Kalifornien). Das wissenschaftliche Interesse des 64-Jährigen galt und gilt der Struktur von Proteinen und Nukleinsäuren. "Er ist nach wie vor unvermindert aktiv", sagt Baumeister. Spezialgebiet Wüthrichs ist die Anwendung der so genannten Kernresonanz-Spektroskopie bei der Aufklärung der Struktur von biologischen Makromolekülen.

"Er gilt international als Pionier dieser Analysemethode bei biologischen Makromolekülen", betont Baumeister. Der Nobelpreis sei für diese Leistung "überfällig" gewesen. "Die Kernresonanzspektroskopie von biologischen Molekülen ist eine der drei Säulen der Strukturbiologie"

Preis war fällig

Als "längst fällig" bezeichnete der Grazer Biochemiker Andreas Kungl vom Grazer Institut für Pharmazeutische Chemie die Vergabe des Chemie-Nobelpreises 2002 an den Schweizer Molekularchemiker Kurt Wüthrich. "Vor elf Jahren, als sein Zürcher Kollege Richard R. Ernst für die Entwicklung der Kernmagnetischen Resonanz (NMR) mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist Wüthrich ja leider noch leer ausgegangen", so der Grazer Forscher, der Wüthrich 1999 schon zu einer Tagung nach Wien geholt hat.

Die Forscherleistung Wüthrichs baue auf den Grundlagen von Richard E. Ernst auf und habe sie wesentlich weiterentwickelt, so dass heute vor allem auch große biologische Moleküle "und noch dazu in Lösung, sprich im Zellen" analysiert werden können, so Kungl. "Damit hat Wüthrich die NMR revolutioniert", ist sich der Grazer Biochemiker sicher.

"Seine Methode nicht mehr wegzudenken"

Kungl verwies auch darauf, dass Wüthrichs Forscherteam entdeckte, dass die räumliche Molekülstruktur des gesunden Rinder-Prionproteins mit der des menschlichen Prion-Proteins fast identisch sind. Diese Ähnlichkeit begünstige die Überwindung der Artenbarriere für eine Prionenübertragung vom Rind auf den Menschen. "Er ist immer ganz vorne bei den aktuellen Fragestellungen dabei", so Kungl.

"Den Preis hat Wüthrich sicher verdient", so auch der Vorstand des Institute für Pharmazeutische Chemie der Uni Graz, Ernst Haslinger. Wüthrichs Methoden seien "im heutigen Forschungsalltag nicht mehr wegzudenken". "Sämtliche Moleküle von kleinen für Arzneistoffe bis hin zu Proteinen, Enzymen bis hin zu den für die Vererbung wichtigen Proteinsäuren" könnten damit analysiert werden, so Haslinger. In Graz selbst habe man eines der größten Spektrometer in Österreich, zeigte sich der Chemiker stolz. "Wir selbst führen auf diese Weise Stoffwechseluntersuchungen am Menschen durch", so Haslinger. Im speziellen können die Grazer Forscher damit nachweisen, worauf genau ein erhöhter Glucosespiegel im Blut zurückzuführen ist. (APA/dpa)

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