Nobelpreis für Wirtschaft im Labor

9. Oktober 2002, 19:22
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US-Forscher Kahnemann und Smith Pioniere der experimentellen Ökonomie

Stockholm - Die beiden US-Bürger Daniel Kahneman und Vernon L. Smith teilen sich den diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreis, der mit rund einer Million Euro dotiert ist. Kahneman, ein an der Princeton University tätiger gebürtiger Israeli mit doppelter Staatsbürgerschaft, erhält die Auszeichnung "für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit", wie die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften mitteilte.

Der an der George Mason University (Virginia) tätige Wirtschaftswissenschafter und Jurist Smith bekomme den Preis "für den Einsatz von Laborexperimenten als Werkzeug in der empirischen ökonomischen Analyse, insbesondere in Studien unterschiedlicher Marktmechanismen".

Pioniere

Während die volkswirtschaftliche Theorie traditionell den "homo oeconomicus" als rational und im eigenen Interesse handelndes Individuum betrachtet habe und daher Ökonomie aufgrund der wirklichen Wirtschaftsvorgänge und nicht aufgrund von Laborexperimenten beobachtet habe, würden in den vergangenen Jahren immer mehr Postulate wirtschaftswissenschaftlicher Theorie getestet und aufgrund der Testergebnisse verändert. Die beiden Preisträger seien Pioniere dieser Entwicklung.

Kahmanns wichtigsten Resultate berühren das Entscheidungsverhalten bei Unsicherheiten - anbetracht der derzeitigen wirtschaftlichen Lage wahrscheinlich mit viel Interesse rezipierte Einsichten. Smith wiederum hat das Fundament für eine experimentelle Wirtschaftswissenschaft gelegt; so hat er unter anderem Spielregeln für deregulierte Strommärkte im Labor getestet, ehe sie angewendet wurden.

Mit der heurigen Entscheidung sind seit der Stiftung des Preises 1968 durch die schwedische Reichsbank 32 der 51 durchweg männlichen Preisträger Bürger der Vereinigten Staaten gewesen. Fünf weitere waren an US-Universitäten tätig. Lediglich 14 Preisträger kamen von europäischen Forschungseinrichtungen. Ein einziges Mal ging der Wirtschaftsnobelpreis auch an einen Österreicher, nämlich 1974 an den Nationalökonomen Friedrich A. Hayek.

Im Vorjahr ging der Preis an die US-Bürger George A. Akerlof, A. Michael Spence und Joseph E. Stiglitz für die Analyse von Märkten mit asymmetrischer Information.

Heftig kritisiert

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wird von den Auswahlgremien der bereits mehr als 60 Jahre zuvor von Alfred Nobel gestifteten Preise immer wieder heftig kritisiert. So verlangt die "Schwedische Akademie", die den Literaturpreis vergibt, die ersatzlose Streichung der Wirtschafts-Auszeichnung. Überreicht werden die Preise jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des 1896 verstorbenen Nobel. (spu, APA, DER STANDARD, Printausgabe 10.10.2002)

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derStandard.at/ Wissenschaft

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