Der Weg allen Überweins

9. Oktober 2002, 22:31
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Manchmal wird Wein einfach nicht weggetrunken. Es gibt mehrere Lösungen, um ihn loszuwerden.

Die gesamte Menge Weins, die auf der Welt produziert wird, ist nur schwer zu schätzen, man geht aber von etwa 250 bis 300 Millionen hl pro Jahr aus, eher nimmt sie aber zu. Und das ist außerdem um eine ganze Menge mehr als auch getrunken wird. In der Mancha in Spanien, zum Beispiel, stehen ganze Landstriche voll mit Weingärten der Sorte Airen, die es aufgrund des prominenten Vorkommens in dieser Region sogar zur meist angebauten Sorte der Welt brachte, die aber einen blassen Öd-Wein hervorbringt, der zu nichts anderem gut ist, als zu Weinbrand weiterverarbeitet zu werden. Gut, jetzt wird natürlich auch Weinbrand benötigt, aber halt auch nur in gewissem Maße, und in Wirklichkeit auch immer weniger.

In Österreich neigte man lange Jahre dazu, die Übermengen ­ hauptsächlich aus dem Weinviertel­ zuerst einmal eine Zeit lang zu lagern und zu sehen, ob nicht irgendwo plötzlich Bedarf bestünde (die riesigen Tanks in Wolkersdorf legen Zeugnis davon ab) und das Zeug dann doch weiterzuverarbeiten, also meistens ebenfalls zu Industrieralkohol zu brennen.

Eine andere Methode, untrinkbares Zeug loszuwerden, liefert die Geschichte: Als der Wiener Wein einmal so sauer war, dass sein Genuss nicht wirklich empfohlen werden konnte und die Winzer den Sauerampfer schon auf die Straße schütteten, ließ der damalige Kaiser die Verordnung aus, das Getränk fürs Anrühren des Mörtels des Stephansdoms zu verwenden ...

Okay, wenn gleich das jetzt lustig klingt, ist's irgendwie auch keine Lösung für den Gschladern. Weshalb also in heutiger Zeit der Glühwein ersonnen wurde: rein damit, mit ein bisschen Farbe und Gewürz dazu, fertig. Wobei es mitunter durchaus auch passieren kann, dass absolut hochwertige Weine im Glühwein landen, die aber halt nun auch gerade keiner mehr trinken will und die die Lager der Weinhändler verstellen: So übergab ein aufstrebender Weinhändler und Unternehmer in Gmunden unlängst ein paar Paletten tadelloser Steinfeder-Weine und ebenso völlig untadeliger Beaujolais-Flaschen des Vorjahres an einen renommierten Vorarlberger Saft- und Fertig-Glühwein-Produzenten um einen absoluten Mini-Preis von ungefähr 36 Cent pro Flasche. Ich meine, für die Sauce oder für eine Party wär der Stoff sicher gut genug gewesen, der Weinhändler wollte sich die Mühe der Inserate zwecks Informierung etwaiger Kunden aber sparen, und so fanden einige hundert Flaschen Qualitätswein gemeinsam mit Inländerrum und Gewürz-Auszügen ihren Weg ins Tetrapak.

Das müsste eigentlich nicht sein, dafür gibt's immer noch reichlich EU-Verschnitt, ungarischen oder tunesischen Tankwein oder eben heimische Restbestände. Also immer die Wein-Importeure Ihres Vertrauens fragen, ob grad mal wieder eine Lieferung nach Vorarlberg geplant ist.

Von Florian Holzer
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