Wer bekommt den Friedensnobelpreis?

10. Oktober 2002, 09:42
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Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrecher-
tribunals in Den Haag, Carla Del Ponte, gehört zu den FavoritInnen

Oslo - Erstmals seit längerem könnte es bei der Verleihung des Friedensnobelpreises zu einer Überraschung kommen. Bevor das norwegische Nobel-Komitee am Freitag in Oslo den diesjährigen Träger des Friedensnobelpreises bekannt gibt, sind unter den 156 eingegangenen Vorschlägen keine eindeutigen Favoriten in Sicht. Gute Chancen räumen Beobachter dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter und der Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla Del Ponte, ein.

Die AnwärterInnen

Für Karsai spricht, dass er die Hoffnung des afghanischen Volkes auf Frieden nach mehr als zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg verkörpert. Carter war wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte bereits mehrmals nominiert. Im vergangenen Mai hatte er mit einer Reise zum US-Erzfeind Fidel Castro nach Kuba für Aufsehen gesorgt. Die Schweizer Juristin Del Ponte führt in Den Haag mit harter Hand die Anklage gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

Zu den Anwärtern auf den Preis gehören außerdem die beiden US-Senatoren Richard Lugar und Sam Nunn, die sich um den Abbau des Arsenals an Atomwaffen sowie chemischen und biologischen Kampfstoffen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion verdient gemacht haben. Als absolute Außenseiter gelten Bartholomäus I., der als "grüner Patriarch" bekannte orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, der Sänger der irischen Rockgruppe U2, Bono, sowie der iranische Präsident Mohammad Khatami.

31 Mal nachträglich verliehen

Das Komitee hat auch die Möglichkeit, den Preis überhaupt nicht zu vergeben. Das war zum letzten Mal im Jahr 1972 der Fall. Für das Jahr 1976 wurde der Preis erst im darauf folgenden Jahr an zwei nordirische Friedensaktivistinnen, Mairead Corrigan und Betty Williams, vergeben. Insgesamt wurde der Nobelpreis 31 Mal nicht oder nachträglich verliehen.

In den vergangenen beiden Jahren standen die Preisträger praktisch schon vorher fest: Der südkoreanische Präsident Kim Dae Jung erhielt den Preis 2000 für seine Versöhnungspolitik gegenüber dem kommunistischen Nordkorea. Im vergangenen Jahr ehrte das Nobelkomitee UNO-Generalsekretär Kofi Annan für seinen Einsatz für Frieden und Menschenrechte. Für die Vergabe des Preises ist ein fünfköpfiges unabhängiges Gremium zuständig, das vom norwegischen Parlament eingesetzt wird.

Vor 101 Jahren zum ersten Mal verliehen

Vor 101 Jahren wurde der von dem schwedischen Unternehmer Alfred Nobel gestiftete Preis zum ersten Mal vergeben. Er ging an den Schweizer Jean Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, und an den Franzosen Frederic Passy, der die französische Friedensliga ins Leben rief. Als erste Frau erhielt die Österreicherin Bertha von Suttner im Jahr 1905 den Friedensnobelpreis. Auch Organisationen erhielten in der Vergangenheit die Auszeichnung, einige davon, wie das Internationale Rote Kreuz oder das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) sogar mehrmals.

Umstrittene Gewinner

Die Entscheidungen des Komitees waren nicht immer unumstritten. Persönlichkeiten, die Großes leisteten, gingen leer aus, wie das Nobelkomitee heute selbst zugibt. Der indische Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi wurde trotz fünffacher Nominierung nie ausgezeichnet, auch die Gründerväter der Europäischen Union, wie Jean Monnet, wurden nie mit dem Preis geehrt. Zu den umstrittenen Preisträgern gehören der frühere US-Außenminister Henry Kissinger und Palästinenserpräsident Yasser Arafat. (APA)

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    Couragierte Carla Del Ponte
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