Dem Rinderwahnsinn auf die Spur gekommen

10. Oktober 2002, 08:08
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Für revolutionierende Methoden zur Analyse großer Moleküle erhalten ein Schweizer (Bild), ein Japaner und ein US-Amerikaner den diesjährigen Nobelpreis für Chemie

Stockholm - Mit der Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Chemie trägt die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften indirekt auch der zunehmenden Sorge der Bevölkerung um sichere Nahrungsmittel Rechnung - die jüngsten Lebensmittelskandale wie Rinderwahnsinn, mit verbotenen Antibiotika gedopte Schweine und mit Nitrofen vergiftetes Bio-Hendlfutter sind noch lange nicht vergessen.

Der US-Amerikaner John B. Fenn, der Japaner Koichi Tanaka und der Schweizer Kurt Wüthrich werden für die Entwicklung neuer Analysenmethoden zur Erforschung von Form, Masse und Wirkung großen Moleküle wie etwa Proteine ausgezeichnet. "Die Möglichkeit, Proteine nachzuweisen, im Detail zu analysieren und dreidimensional in Lösung darzustellen, hat das Verständnis der Lebensprozesse erweitert", begründete Mittwoch das Nobelpreis-Komitee seine Entscheidung. Vor allem die Darstellung derartiger Moleküle "in Lösung" ist dabei interessant, befinden sich doch sämtliche Proteine und andere Stoffe in menschlichen oder tierischen Zellen ebenfalls "in Lösung" - in der Zellflüssigkeit. Die Analyseverfahren sind lebensnah.

Durch die von den drei Wissenschaftern (weiter-)entwickelten Methoden wurden rasche und exakte Bestimmungen von Lebensmittel-Inhaltsstoffen ebenso möglich wie der Nachweis, dass Prionen - für die Entstehung des Rinderwahnsinns BSE verantwortlich - bei Rind, Schwein und Mensch sehr, sehr ähnlich sind. Dass also der artfremde Übertritt dieser Krankheitserreger ein leichtes ist, der Wahnsinn von der Kuh tatsächlich auf den Menschen übergreifen kann.

Neue Medikamente

Weiters wurde es durch die Arbeiten der drei Forscher auch für Pharmaunternehmen möglich, nicht nur ein oder zwei, sondern gleich hunderte von chemischen Verbindungen pro Tag zu analysieren - in der Hoffnung, dass unter vielen Tausenden zu überprüfenden Verbindungen wenigstens eine drunter ist, die als Erfolg versprechende Basis zur Entwicklung einer neuen Arznei dienen kann. Das spart Zeit und in der Folge Geld.

Darüber hinaus ermöglichten die Entwicklungen der drei neuen Nobelpreisträger eine frühere Diagnose verschiedener Krebsformen wie Brust- und Prostatatumoren sowie von Malaria.

Der an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich tätige Biophysiker Kurt Wüthrich, der die Entwicklung der "kernmagnetischen Resonanzspektroskopie" vorangetrieben hat, teilt sich den mit gut einer Million Euro dotierten Nobelpreis mit dem Forscherduo John B. Fenn von der Virginia Commonwealth University in Richmond und Koichi Tanaka von der Shimadzu Corporation in Kioto. Sie entwickelten die "Massenspektrometrie", ein weiteres Analyseverfahren, weiter. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2002)

  • Der Schweizer Kurt Wüthrich erhielt die Hälfe des Preises für Neuerungen in der Forschung zu NMR-Verfahren.
    derstandard.at

    Der Schweizer Kurt Wüthrich erhielt die Hälfe des Preises für Neuerungen in der Forschung zu NMR-Verfahren.

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