Berlin: Intendant der Philharmonie tritt zurück

9. Oktober 2002, 13:13
posten

Franz Xaver Ohnesorg überraschte mit seinem Rückzug "aus persönlichen Gründen" - Nach Udo Zimmermann zweiter prominenter Abgang

Berlin - Der Intendant der Berliner Philharmoniker, Franz Xaver Ohnesorg, tritt nach nur einem Jahr im Amt zurück. Der Musikmanager gebe seine Position aus persönlichen Gründen zum 1. Jänner auf, teilte die Stiftung Berliner Philharmoniker am Dienstag Abend überraschend mit. Ohnesorgs Vertrag lief noch bis zum 31. August 2006.

Offizielle Diskretion

Einzelheiten zu den Gründen wurden nicht genannt. Es hieß lediglich, Ohnesorg habe den Stiftungsvorstand aus persönlichen Gründen gebeten, ihn von seiner Verpflichtung als Intendant und Sprecher des Stiftungsvorstandes mit Wirkung vom 1. Jänner 2003 zu entbinden.

"Da die Gründe für den Wunsch von Prof. Franz Xaver Ohnesorg persönlicher Natur sind, sind die Parteien übereingekommen, keinerlei Auskünfte über die Beweggründe zu geben", hieß es ergänzend in der Presseerklärung der Orchester-Stiftung, die auch von Ohnesorg und dem Chefdirigenten Sir Simon Rattle unterzeichnet ist.

Der Intendant habe zugesagt, dem Orchester und seinem Chefdirigenten als Berater für die Dauer seines Intendantenvertrages bis August 2006 zur Verfügung zu stehen. Ob die Musiker und der Maestro das Angebot annehmen, ist jedoch fraglich.

Stiftungsmodell und Meinungsverschiedenheiten

Ohnesorg war im September 2001 auf Bitten des damaligen Kultursenators Christoph Stölzl als Nachfolger von Elmar Weingarten nach Berlin gekommen. Zuvor hatte Ohnesorg, der 1983 bis 1996 die Kölner Philharmonie zu einem anerkannten Musikzentrum ausgebaut hatte, nur zwei Jahre lang die New Yorker Carnegie Hall als künstlerischer Direktor geleitet und nach persönlich gefärbten Auseinandersetzungen dem Konzerthaus den Rücken gekehrt.

Als Intendant der Berliner Philharmoniker hatte Ohnesorg die Umwandlung des Orchesters in eine Stiftung und den Antritt des neuen Chefdirigenten Sir Simon Rattle ab Sommer 2002 als Nachfolger von Claudio Abbado in die Wege geleitet. Mit dem Stiftungsmodell wollte Ohnesorg dem berühmten Orchester eine größere finanzielle Eigenständigkeit verschaffen.

In den letzen Monaten waren allerdings auch Meinungsverschiedenheiten zwischen Ohnesorg und dem Orchester laut geworden. Viele Musiker stören sich dabei vor allem an der ihrer Meinung nach zu exponierten Rolle Ohnesorgs neben dem neuen Chefdirigenten. Verwunderung hatte auch das erstmalige Fehlen der Philharmoniker im Programm der diesjährigen Berliner Festwochen ausgelöst. Verbunden mit der Umwandlung des Orchesters in eine Stiftung war die Auflösung einer von den Orchestermitgliedern gebildeten Gesellschaft, die Einnahmen aus CD-Einspielungen und Medienauftritten verwaltete und an die Musiker verteilte.

Zweiter Abgang

Ohnesorg ist nach dem Intendanten der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, binnen zehn Tagen der zweite prominente Kulturschaffende in der Hauptstadt, der sein Amt vorzeitig aufgibt. Zimmermann will am Ende der laufenden Spielzeit abgeben. Am Donnerstag soll nach Informationen der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) zwei Initiativen für Berlins Opernzukunft vorstellen. Ein Vorschlag sieht dabei die Zusammenfassung der Lindenoper, der Komischen Oper, des Konzerthauses am Gendarmenmarkt und der Musikhochschule Hanns Eisler zu einem Kulturforum vor, ein anderer favorisiert die Fusion der Deutschen Oper mit der Staatsoper. Flierl möchte diese privaten Initiativen in die Debatte einbringen und bis Jahresende eine Strukturreform fixieren. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.