Samardzic: Milosevic wollte Groß-Serbien errichten

8. Oktober 2002, 18:41
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Montenegros Ex-Außenminister in Den Haag: Bulatovic und Djukanovic wurden "missbraucht"

Belgrad/Den Haag - Der frühere montenegrinische Außenminister Nikola Samardzic hat vor dem UNO-Tribunal am Dienstag den einstigen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic beschuldigt, "Anführer" der "Bewegung zur Errichtung von Groß-Serbien" gewesen zu sein. Milosevic sei Anleiter der Bewegung gewesen, die zum Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien geführt habe, erklärte Samardzic, der das Außenministeramt in der montenegrinischen Regierung vom 16. Februar 1991 bis zum 26. Mai 1992 innehatte.

Samardzic hat den Machtwechsel in Montenegro im Jänner 1989, der die Milosevic-treuen Jungkommunisten, Momir Bulatovic und Milo Djukanovic, an die Macht in Podgorica gebracht hatte, als "nationalistischen Putsch" bezeichnet. Bulatovic und Djukanovic seien von Milosevic "missbraucht" worden, allerdings habe Djukanovic später den Fehler eingesehen und sich von der Politik Milosevics abgewandt, sagte der Ex-Außenminister.

Der frühere montenegrinische Amtsträger hat vor dem UNO-Tribunal auch ausführlich den Verlauf der "erweiterten Regierungssitzung" am 1. Oktober 1991 beschrieben, welcher nebst den Regierungsmitgliedern und dem montenegrinischen Präsidenten Momir Bulatovic auch acht hohe jugoslawische Offiziere, von dem mindestens vier im Generalsrang gewesen sein sollen, beiwohnten. Samardzic hat die Sitzung, bei der Bulatovic und die Militärs nach seinen Worten darauf aufmerksam gemacht hatten, dass Montenegro von "30.000 kroatischen Soldaten" angegriffen worden sei, die die Bucht von Kotor besetzen wollten, als "Beginn des Krieges" in Montenegro bezeichnet.

"Die Sitzung war der Verteidigung gewidmet worden. Wenn ich jetzt genauer überlege, war ihr Ziel jedoch die Vorbereitung der Mobilisierung für die Front gewesen", sagte Samardzic, der sich dabei auf die Region Dubrovnik bezog. Der damalige montenegrinische Präsident Bulatovic hatte am Tag nach der Regierungssitzung, dem 2. Oktober, den Mobilisierungsbefehl erteilt. Erfasst waren sowohl die Polizei- wie auch die Militärreservisten gewesen.

"In den ersten Kriegstagen kursierten Informationen, dass man sich vor einem kroatischen Angriff verteidigen müsste. In der staatlichen Propaganda hieß es später, dass alle Serben in einem Staat leben sollten, dass es keine Teilung der serbischen Volksgruppe mehr geben sollte und es gelte, alle serbischen Länder zu vereinigen... Dies war die Propaganda, sie war kontrovers. Einerseits hatte man von Verteidigung gesprochen, andererseits vom Großstaatstraum," sagte Samardzic, der namentlich den staatlichen montenegrinischen TV-Sender und die Tageszeitung "Pobjeda" für die Verbreitung der Staatspropaganda beschuldigte.

Der Ex-Außenminister stellte auch fest, dass in der Geschichte Montenegros "nie etwas schlimmeres als der Angriff auf Dubrovnik" passiert sei. Die von offiziellen Stellen verbreiteten Informationen über den kroatischen Angriff auf die Bucht von Kotor hat Samardzic als "bloße Lüge" bezeichnet. Der Ex-Außenminister sagte, dass die Information über den Angriff von 30.000 kroatischen Soldaten, die von Präsident Bulatovic verbreitet worden sei, nach dem 1. Oktober 1991 nicht mehr aufgekommen sei. "Es stellte sich heraus, dass nicht die Kroaten in die Bucht von Kotor vorgedrungen waren, sondern wir auf das Gebiet von Dubrovnik eingefallen waren. Die Geschichte über 30.000 kroatische Angreifer konnte nicht mehr verbreitet werden", meinte er. (APA)

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