Bei der Deutschen Telekom wackeln bis zu 50.000 Jobs

9. Oktober 2002, 15:29
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"Es wird keine heiligen Kühe geben" - Belegschaft übt heftige Kritik

Der Chef der Deutschen Telekom, Helmut Sihler, ist kein Zauderer. Es werde keine heiligen Kühe geben, kündigte er vor wenigen Wochen angesichts der drückenden Schuldenlast und des dramatischen Verfalls der T-Aktie an. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Bis 2005 muss sich im Schnitt jeder fünfte Beschäftigte des größten Telekom-Konzerns Europas einen neuen Arbeitgeber suchen. Rund 50.000 Arbeitsplätze von derzeit 255.000 stehen auf der Streichliste, knapp 40.000 Stellen sollen allein in Deutschland in allen Unternehmenssparten wegfallen.

"Völlig überzogen"

Am stärksten betroffen ist die Festnetzsparte T-Com, deren Gewinne 2001 stark eingebrochen waren. Erstmals werden auch Arbeitsplätze in den Wachstumssparten T-Mobile und T-Systems dem Rotstift zum Opfer fallen. Der stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates der Telekom, Rainer Röll, ist entsetzt: "Die Beschäftigten halten die geplanten Stellenkürzungen für völlig überzogen und lehnen sie entschieden ab". Und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kündigte für die nächste Aufsichtsratssitzung am 30. Oktober scharfen Widerstand an.

Rache der Tariferhöhung

Nach Ansicht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Düsseldorf rächt sich nun die beschlossene Tariferhöhung für die Telekom-Beschäftigten. Die Höhe des Stellenabbaus sei sicher auf den Tarifabschluss zurückzuführen, der noch unter Ex-Telekom-Chef Ron Sommer geschlossen wurde, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker. "So schmerzhaft die Entscheidung für die betroffenen Arbeitnehmer ist, wurde es höchste Zeit, dass die angekündigten Sparmaßnahmen aktiv angegangen werden".

64 Milliarden Euro

Und so gewinnt das von Sihler angekündigte Sparprogramm zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung allmählich Konturen. Der Telekom-Vorstand steht unter dem Druck, den Kapitalmärkten endlich Erfolge zu präsentieren. Dabei hat Sihler, der auch noch einen Nachfolger für den Vorstandsvorsitz finden muss, den Schuldenabbau zur obersten Handlungsmaxime erklärt. Gegenwärtig steht der rosa Riese bei seinen Geldgebern mit 64 Mrd. Euro in der Kreide. Ende 2003 sollen die Schulden auf 50 Mrd. Euro gedrückt werden.

Nach den bisherigen Einsparplänen kann die Telekom ihre Nettoverschuldung aus der freien Liquidität (Cash Flow) mit Erlösen aus Immobilienverkäufen und der Abgabe des Kabelnetzes bis Ende 2003 auf 54 Mrd. bis 57 Mrd. Euro verringern. "Wir müssen daher zusätzliche Maßnahmen in Höhe von 4 Mrd. bis 7 Mrd. Euro identifizieren", sagt Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick.

Schweigen

Wie sich der drastische Arbeitsplatzabbau in Euro und Cent ausdrückt, darüber hüllt sich die Telekom in Schweigen. Bisher war von Einsparungen in einer Größenordnung von 400 Mill. Euro jährlich die Rede. Sihler und sein Vorstandsteam, meinen Branchenkenner, müssen sich noch etwas einfallen lassen, um das Ziel beim Schuldenabbau zu erreichen.

Einnahmen aus dem mehrfach verschobenen und inzwischen auf Eis gelegten Börsengang von T-Mobile hat der Vorstand schon längst nicht mehr auf der Rechnung. Auch beim Verkauf des TV-Kabelnetzes, der im vergangenen Jahr noch eine Summe von 5,5 Mrd. Euro in die Konzernkasse gespült hätte, wenn das Kartellamt nicht eingeschritten wäre, wird die Telekom Federn lassen.

Axt ans Kerngeschäft anlegen

Dass der Bonner Riese die Axt ans Kerngeschäft anlegen wird, um den Abbau der Schulden voranzutreiben, ist nach Ansicht von Analysten so gut wie sicher. Kandidat Nummer eins ist dabei die US- Mobilfunktochter VoiceStream. Ein vollständiger Rückzug aus den USA wäre aber die bitterste Lösung für Vorstand und Aufsichtsrat und zugleich das Eingeständnis einer verfehlten Expansion.(APA/dpa)

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