Wifo-Turbulenzen und kein Ende

10. Oktober 2002, 22:25
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Ökonomen der Wirtschafs-Uni zeigen sich über ÖVP-Kritik an Wifo-Experten Marterbauer empört

Wien - "Irritiert und empört" über die Art der Kritik, die von ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat und ÖVP-Klubobmann Andreas Khol an der wissenschaftlichen Qualifikation des Wifo-Konjunkturexperten Markus Marterbauer geübt wurde, zeigen sich 22 Ökonomen und Ökonominnen der Wirtschaftsuniversität Wien (WU-Wien). Sie seien darüber hinaus auch "beunruhigt, dass diese offenbar politisch motivierte Kritik zur Einschränkung seiner Agenden beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) geführt hat", so die Ökonomen, die alle an der WU-Wien im Fachbereich Volkswirtschaft lehren und forschen.

Rücknahme diffamierender Vorwürfe erwartet

Die Volkswirtschafter erwarten eine Rücknahme der "persönlich diffamierenden" Vorwürfe gegen Marterbauer und fordern von der ÖVP, die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren. Dies beinhalte auch, dass Personalentscheidungen an Österreichs Wirtschaftsforschungsinstitutionen "nicht von Presseerklärungen von Mitgliedern der Regierungsparteien beeinflusst werden", heißt es weiter.

Wie berichtet hat Wifo-Chef Helmut Kramer den Konjunkturexperten Marterbauer bis auf weiteres von der Erstellung fachlicher Expertisen im Namen des Hauses freigestellt, und dies damit begründet, dass Marterbauer im kommenden Nationalratswahlkampf auf der Wiener Landesliste für die SPÖ kandidiere und sich somit ein Konfliktfeld zwischen seiner wissenschaftlichen und seiner politischen Tätigkeit eröffne.

Pikante Vorgeschichte

Aktueller Auslöser für die Rochade war eine Aussage Marterbauers gegenüber der Austria Presse Agentur, wonach die heimische Konjunkturabschwächung ausschließlich auf den restriktiven Budgetkurs zurückzuführen sei. Kramer hat die Darstellung Marterbauers korrigiert, weil diese wissenschaftlich nicht haltbar sei.

In der Stellungnahme der WU-Wien-Ökonomen heißt es weiter, Marterbauer habe seine wissenschaftliche Qualifikation in internationalen Publikationen, als Lektor an der WU-Wien und in seinen empirischen Arbeiten am Wifo hinreichend bewiesen. Eine generalisierende Kritik seiner Person sei daher nicht fachlich, sondern politisch motiviert. Die Volkswirtschaftlehre sei eine Wissenschaft mit widerstreitenden Lehrmeinungen ist. Daher gebe es auch unterschiedliche Einschätzungen darüber, was die relative Bedeutung von nationalen und internationalen Faktoren bei der Erklärung des Wirtschaftswachstums sei.

"Es steht jedoch außer Frage, dass erstens die Fiskalpolitik als Teil der Binnennachfrage einen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hat und dass zweitens der Effekt der Fiskalpolitik im letzten Jahr tendenziell negativ war", so die Unterzeichner in ihrer Erklärung von heute, Donnerstag, weiter. Der Erklärungsgehalt, den Marterbauer der Wirtschaftspolitik zuschreibe, möge geteilt werden oder nicht, seine Analyse als unwissenschaftlich zu bezeichnen sei in jedem Fall unseriös.

"Persönliche Desavouierung"

Die Ökonomen äußerten sich auch besorgt darüber, wie die Regierungspartei mit fachlich fundierter Kritik umgehe, "nämlich mit der persönlichen Desavouierung des Kritikers und nicht mit ökonomischen Argumenten oder Fachgutachten". "Dass der Kritiker darüber hinaus Einschränkungen seiner beruflichen Tätigkeit erfährt, ist zutiefst beunruhigend". Dies instrumentalisiert die Wirtschaftsforschung und gefährdet die Freiheit der Wissenschaft.

Unterschrieben wurde die Stellungnahme unter anderen von den Professoren Leonhard Bauer, Ewald Nowotny, Claus Thomasberger und Herbert Walther. (APA)

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Wifo

  • Nach der Einschätzung des Konjunkturexperten und SP-Kandidat Markus Marterbauer hat die Regierung mit dem Nulldefizit-Kurs 2001 die Konjunktur abgewürgt. Als Wifo-Mitarbeiter darf er das nicht mehr behaupten.
    foto: semotan

    Nach der Einschätzung des Konjunkturexperten und SP-Kandidat Markus Marterbauer hat die Regierung mit dem Nulldefizit-Kurs 2001 die Konjunktur abgewürgt. Als Wifo-Mitarbeiter darf er das nicht mehr behaupten.

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