"Ich will einen wie Putin"

8. Oktober 2002, 17:32
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Der Kult um Wladimir Putin treibt wundersame Blüten - Ergebnis einer exzellenten PR-Maschinerie und der russischen Neigung zur Ehrfurcht vor der Obrigkeit

Die Seele seines Gegenübers hat George Bush eigenen Angaben zufolge verstanden, als er Wladimir Putin in die Augen sah. Wahrscheinlich wird die Welt nie erfahren, welches Bild sich dem amerikanischen Präsidenten bei seinem Tiefblick auftat. Das ist schade, weil man weltweit auch nach fast drei Jahren Präsidentschaft über das Wesen des russischen Präsidenten rätselt. Liegt ihm tatsächlich an einer Annäherung an den Westen oder baut er vielmehr an einem autoritären Staat. Täuscht er die Welt mit dem Know-How eines Ex-KGB-Mitarbeiters oder ist er einfach pragmatisch.

Während die Welt rätselt, hat Russland sich seinen Präsidenten geschaffen und mit viel eindeutigeren Zügen ausgestattet. Das gestaltete sich nicht schwierig, war er erst einmal als der beste aller möglichen Slawen erkannt. Eine exzellente PR-Maschinerie und die russische Neigung zur unbedingten Ehrfurcht vor der Obrigkeit trugen das Ihrige dazu bei, um letztlich gar einen Mythos mit zwischendurch unirdischen Merkmalen zu schaffen - einen umfassenden Kult um die mit simplen Archetypen eines Idealmannes und -herrschers ausgestattete Person Putins.

"Ich will einen wie Putin", tönte die letzte Kultblüte Anfang Herbst aus den russischen Radios. Eine Girlieband besingt einen leicht klein gewachsenen, verheirateten Mann mittleren Alters, der einem Mädchen, das genug hat von seinem trinkenden groben Partner, als Traummann vorschwebt: Er ist stark, trinkt nicht und verletzt nicht, läuft nicht weg und ist herzeigbar - eben einer wie Putin.

Den einen ein Sexsymbol, den anderen ein Traummann, den Teenies nebenbei der ideale Vater.

Einige Beobachter sehen in dem Lied den Start zur Werbekampagne für die Präsidentschaftswahlen Anfang 2004. Nichts dergleichen, winkt der Vater des Songs, Nikolaj Gastello - selbst Pressesprecher im Obersten Gerichtshof - ab. Doch für den Koautor ist "die Zeit angebrochen, nicht mit der Macht zu kämpfen, sondern ihr bei der Entlarvung derer, die unehrenhaft leben, zu helfen".

Unabhängig vom Unterfangen, das Ehrenhafte und die Moral zu heben, verweist auch der Bandname "Gemeinsam singen" auf eine andere Gruppierung, von der man weiß, dass ihre Fäden in die Kremlnähe führen - "Gemeinsam gehen". Diese Gruppe will nicht nur Russland missionarisch von allem "Schmutz" wie beispielsweise schädlicher Literatur reinigen, sie ergeht sich auch in einer Putin-Manie bemerkenswerten Ausmaßes. Mitglieder erscheinen bei ihren Aktionen in T-Shirts mit aufgedrucktem Putinporträt, an Jahrestagen des Machtantritts leuchten Huldigungen an den Heilsbringer von Transparenten.

Dass die Judozentren im ganzen Land großen Zustrom haben, weil der Präsident Träger des schwarzen Gürtels ist, verwundert im ganzen Kultspektrum genauso wenig wie das Faktum, dass Ostereier mit Putins Konterfei bemalt sind und Porträts kursieren. Etwas bezeichnender ist neben den Putin-Biografien auf den Bestsellerlisten schon die Herstellung von Büsten, Broschüren und einer Kinderfibel, in der Putin den Kindern ihre Rechte erklärt, oder des Exklusivkalenders "20 Stimmungen des Präsidenten" vom Künstler Dmitrij Vrubel.

Einen quasireligiösen Hauch aber erhält die Präsidentenverehrung in der Nähe des nordrussischen Pskow, wo seit Putins Besuch einer mittelalterlichen Festung gleichsam ein Wallfahrtspfad "auf den Spuren Putins" eingerichtet wurde. Auf den Stationen wird genau angegeben, wo Putin ging, stehen blieb oder Wasser trank.

Eine nur kommerzielle Variante stellen bürokratisch unterbundene Versuche dar, eine Bar in Sibirien "Putin", ein Spießgericht "Die Vertikale der Macht" oder ein Eis "Präsident" (im Volksmund nach der Verkleinerungsform für Wladimir als "süßer Wowa" bezeichnet) zu nennen. Den Vogel in der Manie jedoch schoss ein 19-jähriger Manager ab, der sich nach langem Studium von Putinbiografien auf Andrej Wladimirowitsch Putin umbenennen ließ; schließlich sei Putin für ihn wie ein "Engel, ein Beschützer".

Viele Faktoren bedingen den Personenkult in Russland: etwa eine jahrhundertelange Unterwerfung unter die Autokratie des Zaren und die Hierarchie der Orthodoxie; das Fehlen einer historischen Epoche der Aufklärung, die eigenständiges Denken und eigenverantwortliches Handeln hätte fördern können; oder auch seit der Perestroika die Suche nach Antworten und Identifikationsfiguren inmitten von geistiger Orientierungslosigkeit und Raubritteratmosphäre.

Der Personenkult um Putin ist klar zu unterscheiden vom Personenkult der totalitären Sowjetzeit mit ihren Verbrechen am Volk. Die jetzige Form ist neben dem Bedürfnis nach Anbetung und Identifikation auch wirtschaftlich motiviert, schließlich lässt sich mit den Kultutensilien blendend verdienen.

Dass der Putin-Kult von der PR-Maschinerie aus der Kreml-Nähe gefördert wird, steht freilich außer Frage - ungewiss ist nur das Ausmaß. Jedenfalls ist er auch Teil einer beobachtbar stärkeren Präsenz sowjetischer Elemente wie der Wiedereinführung der alten Hymne, dem Druck auf unabhängige Medien oder der Besetzung wichtiger Positionen mit Funktionären aus dem Geheimdienst.

Putin selbst ist der Zirkus um ihn angeblich nicht recht. Brauchen wird er ihn nicht unbedingt. Seine Popularitätswerte liegen stabil bei über 70 Prozent. Und selbst manche, die Putin misstrauen, sind ihm für die Stabilisierung des Staates nach der schwachen Jelzin-Ära dankbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2002)

Eduard Steiner aus Moskau
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    Mit Popularitätswerten, von denen westliche Politiker nur träumen können, feierte Russlands Präsident Wladimir Putin (hier beim Besuch einer japanischen Judoschule) am Montag seinen 50. Geburtstag

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