Österreich erwartet heuer erstmals Handelsüberschuss

8. Oktober 2002, 18:34
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Exporte trotzen widrigem Konjunkturwind - WKÖ rechnet mit vier Prozent Wachstum

Wien - Erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik erwartet Österreich im heurigen Jahr eine ausgeglichene oder sogar positive Handelsbilanz. Der Hintergrund dieser volkswirtschaftlich erfreulichen Entwicklung ist freilich negativ: Durch die schwache Konjunktur haben die Einfuhren teils deutlich abgenommen, die heimischen Exporte haben sich dagegen vergleichsweise gut gehalten. Während die österreichischen Ausfuhren in den ersten sechs Monaten um 2,3 Prozent gestiegen sind, erwartet die Wirtschaftskammer bis zum Jahresende ein Wachstum bis auf 4 Prozent. "Großkrisen wie ein Krieg im Irak oder eine drastische Ölverteuerung sind in dieser Prognose freilich nicht enthalten", meinte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl am Dienstag vor Journalisten.

Sorgenkind Deutschland

"Sorgen" macht Leitl vor allem Deutschland, das rund ein Drittel der österreichischen Ausfuhren abnimmt (und diese teilweise wieder exportiert). "Die Stimmungslage in Deutschland ist schlecht, es wird ein Minus bei den Exporten erwartet". Österreich hat im ersten Halbjahr 2002 um rund 2 Prozent weniger in das große Nachbarland ausgeführt als in der Vergleichsperiode 2001. Die österreichischen Lieferanten konnten dies durch mehr und vor allem höherwertigere Ausfuhren etwa in EU-Länder wie Italien kompensieren. Weiter deutlich verbessert hat sich im ersten Halbjahr die Handelsbilanz mit den mittel- und osteuropäischen Ländern, in die mittlerweile beinahe 16 Prozent der heimischen Ausfuhren gehen.

EU-Spitzenländer im Visier

Das "ambitionierte Ziel" (Leitl), heuer noch vier Prozent Exportwachstum zu erreichen, nimmt sich vor dem Hintergrund früherer Wachstumsraten bescheiden aus: im Boomjahr 2000 etwa konnte die österreichische Wirtschaft ein Plus von 14,7 Prozent erwirtschaften. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Konjunkturlage und im EU-Vergleich sei die Performance aber ziemlich gut, sagte der Chef der Wirtschaftskammer (WKÖ): "Bei den Exportzuwächsen liegen wir im ersten Halbjahr an dritter Stelle, bis Jahresende wollen wir zu den EU-Spitzenländern (Irland, Dänemark mit jeweils vier Prozent, Anm.) aufschließen."

Bis Ende Dezember erwartet die WKÖ ein Exportvolumen von 77,2 Mrd. Euro. Die Importe dürften sich nach den bisherigen Hochrechnungen um rund 4 Prozent auf 75,5 Mrd. Euro verringern. Im vergangenen Jahr standen 74,3 Mrd. Euro Ausfuhren noch 78,7 Mrd. Euro an Importen gegenüber. Das Exportwachstum hatte 2001 6,5 Prozent betragen.

Mehr veredelte Produkte

Neben der günstigen Entwicklung der Handelsbilanz habe das Land auch "qualitativ, in der Wertschöpfung aufgeholt", erläuterte Leitl an Hand von Italien, des zweitwichtigsten Exportmarktes. "Früher haben wir Schnittholz und Rindfleisch geliefert und Möbel und Speck importiert, heute liefern wir immer mehr veredelte Waren hinunter." Daneben sei es gelungen, mehr österreichische Firmen in die Auslandsmärkte zu locken. "Die Kleinen bringen wir in die Nachbarländer, die Großen jagen wir über den (großen) Teich", lautet das Motto.

Bis in fünf Jahren will die Außenwirtschaftsorganisation (AWO) der Kammer die derzeit rund 15.000 Exportbetriebe verdoppelt haben. Mit einer Reihe von Veranstaltungen, Branchenprogrammen und Förderungen für Messe-Teilnahmen will der neue AWO-Chef Walter Koren Export-Neulingen vor allem die Nachbarländer schmackhaft machen. Mit einem Test können Interessierte über das Internet prüfen, ob ihr Betrieb reif für den Gang in die Auslandsmärkte ist.

Einen zweiten Schwerpunkt legt die Wirtschaftskammer auf die europäischen Länder, die mit Branchen-Programmen (z.B. Nahrungsmittel, Umwelt) und regionalen Initiativen (etwa für den Infrastrukturausbau in Südosteuropa) bearbeitet werden.

Der dritte Akzent wird auf die noch relativ bescheidenen überseeischen Exporte gelegt. Auf einer Internetplattform, die sich gerade im Aufbau befindet ("http://www.austriantrade.org"), werden heimische Anbieter die Gelegenheit haben, sich und ihre Produkte dem internationalen Publikum in allen großen Weltsprachen zu präsentieren. (APA)

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