Wiener Astrophysiker Oberhummer: "Gerechter Lohn"

8. Oktober 2002, 14:27
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Physik-Preisträger Davis habe sich von Rückschlägen nie beirren lassen - "da bedurfte es einer unglaublichen Überwindung, nicht aufzugeben"

Wien - "Das ist der gerechte Lohn für für eine heroische Anstrengung über 40 Jahre." So kommentierte der Wiener Astrophysiker Heinz Oberhummer vom Institut für Kernphysik der Technischen Universität (TU) Wien die Verleihung der diesjährigen Physik-Nobelpreie an Raymond Davis Jr., Masatoshi Koshiba und Riccardo Giacconi. Davis habe lange Zeit damit zu kämpfen gehabt, dass er mit seiner "Neurino-Falle" in South Dakota offenbar immer viel zu wenig Neutrinos gemessen hatte, als Astrophysiker durch ihr bisheriges Sonnenmodell vorhergesagt hatten. "Da bedurfte es einer unglaublichen Überwindung, nicht aufzugeben", so der Wiener Wissenschafter.

Tückische Neutrinos

Mittlerweile habe man erkannt, dass Raymond Davis Jr. nicht falsch gemessen hat, sondern seine Fallen nur für eine bestimmte Gruppe von Neutrinos geeignet waren: "Aus den Elektron-Neurinos können auf ihrem Weg von der Sonne zur Erde Tau- oder Myon-Neutrinos entstehen, die Davis' Detektoren verborgen geblieben sind", erklärte der Wiener Forscher. Das sei der Grund gewesen, warum Davis immer nur rund ein Drittel der theoretisch vorausberechneten Neutrinos in seinen Fallen feststellen konnte. In der Zwischenzeit seien die "Neutrino-Fallen" weiter verbessert worden.

"Dass sich die Neutrinos umwandeln können, ist wiederum nur möglich, wenn sie auch eine Masse besitzen", so Oberhummer. Zwar gebe es noch keinen Weg diese Masse zu messen, man gehe aber mittlerweile davon aus, dass die Neutrinos einen Teil der so genannten "Dunklen Materie" des Weltalls, nach der die Forscher schon seit Jahren suchen, ausmachen. Den Theorien zufolge müsste es nämlich im Weltall viel mehr Materie geben, als bisher optisch beobachtet werden konnte . "Man rechnet damit, das die Neutrinos rund ein Prozent dieser 'dunklen Materie' ausmachen", so der Astrophysiker.

Pionier-Status

Raymond Davis ist laut Oberhummer ein "Pionier" der heute auf einige Forschergruppen angewachsenen "Neutrino-Fallensteller": "Davis hat damit in den 60er Jahren begonnen", erklärte der Astrophysiker. Die aufgelassene Goldmine in Süddakota, die sogenannte Homesteak Mine, habe sich dafür so gut geeignet, weil man hier leichten Zugang bis tief unter die Erde hatte. Das sei für die Detektion von Neutrinos wichtig, weil damit die Störung durch andere Strahlung vermieden werden konnte. Bei seinen Test fungierte Tetrachlorethylen als "Falle". In der Flüssigkeit wandeln sich die Chloratome bei einem Zusammentreffen mit Neutrinos in Argon um. So konnte über die Zahl der Argon-Atome der Nachweis von Neutrinos erbracht werden. "Solche Ereignisse passierten allerdings nur ein bis zweimal pro Tag", erläuterte Oberhummer den Zeithorizont des ausgezeichneten Astrophysikers, der im Lauf seines Leben um die 2.000 Neutrinos nachweisen konnte.

Die Pionierarbeit und die wissenschaftlichen Anfechtungen Raymond Davis haben in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass man sich neue Wege überlegt hat, wie man die Neutrinos nachweisen kann. Einer davon war das "Kamiokande" und "Superkamiokande"-Projekt des weiteren Nobelpreisträgers Masatoshi Koshiba ."Mittlerweile gibt es mehrere Neutrino-Fallensteller, die eigentlich auch einen Preis verdient hätten, weil sie die Kenntnisse über die Neutrinos weiter vorangetrieben haben", so der Heinz Oberhummer.

"Sie alle sind nobelpreiswürdig"

"Auch Koshiba hat sich mit seinen Test unter die Erde zurückgezogen, in diesem Fall in die japanischen Alpen", so Oberhummer. Während Davis noch auf Tetrachlorethylen als Detektormedium zurückgriff, hat der japanische Forscher einfach mit einem riesigen Tank mit Wasser gearbeitet: "Wenn das Wasser mit einem Neutrino reagiert, werden Lichtblitze ausgesandt und diese wiederum hinterlassen ihre Spuren auf einem lichtempfindlichen Film auf der Innenseite des Tanks", so der Wiener Forscher. Nicht zuletzt hat Koshiba damit einen regelrechten Neutrino-Schauer registrieren können, der von einer Supernova-Explosion in einer Nachbargalaxie der Milchstraße stammte.

Auch in Europa gibt es eine "Neutrino-Falle": Sie liegt in der Nähe von Rom in einem Tunnel im italienischen Gran Sasso-Massiv. "Dort arbeitet man mit Gallium. "Jedesmal wenn ein Neutrino auftrifft entsteht ein Germanium-Atom", so Oberhummer. Eine weitere große Forschungsstätte befindet sich in Kanada, das Snowbury Neutrino Observatory. "Sie alle sind nobelpreiswürdig", meinte Oberhummer. (APA)

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