Weiße Fahnen, alte Wunden

11. Oktober 2002, 21:24
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Zerwürfnis zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki hält an

Frankfurt/Main - Das jahrelange Zerwürfnis zwischen dem Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass und dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki geht weiter. Der Kritiker hatte eine Äußerung von Grass im Fernsehen zum Anlass genommen, in einem öffentlichen Brief die Friedensfahne zu hissen. Bei einem Termin auf der Frankfurter Buchmesse sagte Grass am Freitag auf die Frage, ob er das Versöhnungsangebot annehme: "Das ist für mich kein Angebot."

In einem Brief an Grass, der am Freitag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgedruckt wurde, erklärt der Kritiker die "Friedensverhandlungen" mit Grass für eröffnet. Reich-Ranicki schrieb über das Fernsehinterview: "Ich verstehe das als Angebot, und ich nehme es gern an." Das Gespräch habe er "mit aufrichtiger Freude" verfolgt, ein Satz von Grass habe "seine Laune deutlich gebessert".

Dem Brief vorausgegangen war ein am Mittwochabend in der ARD ausgestrahltes Gespräch zwischen Grass und dem WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Darin hatte der Autor auf die Frage, ob mit einer Aussöhnung zwischen den beiden nicht mehr zu rechnen sei, geantwortet: "Das soll man nicht sagen." Grass hatte als Bedingung jedoch auf einer Entschuldigung des Kritikers für seinen Verriss des Grass-Romans "Ein weites Feld" bestanden.

In seinem Brief bedauert Reich-Ranicki, Grass mit seinem Urteil gekränkt zu haben, "doch bisweilen ist, was Sie Kränkung nennen, in der Kritik leider unvermeidbar". Ob der Verriss ein Fehler gewesen sei, könne Grass als Autor nicht objektiv beurteilen, wie ihn der Kritiker "in aller Freundschaft" belehrt. Für das von Grass kritisierte Titelbild einer "Spiegel"-Ausgabe, auf dem der Kritiker das Buch von Grass Buch zerreißt, könne er nichts, schreibt Reich- Ranicki weiter. Er werde nicht - wie von Grass gefordert - gegen den "Spiegel" wegen der Verwendung der Fotomontage prozessieren.

Auf der Buchmesse, wo Grass ein von ihm angestoßenes Buch mit Sozialreportagen vorstellte, wollte er sich nicht zu Reich-Ranicki äußern. Bei der Pressekonferenz verweigerte er die Aussage: "Der Herr, wie Sie ihn nennen, kommt in dem Buch nicht vor." (APA)

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