Tod hinter Gittern

9. Oktober 2002, 08:36
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"Falter": Häftling in Klagenfurt starb unter seltsamen Umständen - Studie: Selbstmordrate in Österreichs Gefängnissen steigt signifikant

Wien - Wie die Wiener Stadtzeitung "Falter" in ihrer kommenden Ausgabe berichtet, ereignete sich in Klagenfurt ein seltsamer Todesfall unter den Augen der Staatsgewalt. Als zwei Insassen des Klagenfurter Gefängnisses vorvergangenen Sonntag nach dem Essen in ihre Zelle zurückkehrten, lag ihr junger Zellengenosse Harald K., 24, noch immer still auf seinem Bett. "Mir geht's nicht so gut", hatte er vor einer Stunde geklagt und sich hingelegt. Eine Stunde später quoll nur noch blutiger Schaum aus dem Mund des Toten. Die Justiz schien der Fall zunächst nicht sonderlich zu interessieren. "Fremdverschulden", so urteilte Staatsanwalt Dietmar Pacheiner noch vor der Obduktion, "dürfte auszuschließen sein". Es habe sich "vermutlich um Herzversagen" gehandelt.

Mittlerweile ermittelt auch in diesem Fall die Staatsanwaltschaft. Harald K.s Brüder haben Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Sie vermuten, dass der psychisch kranke Mann in der Haft von Ärzten mit falschen Medikamenten versorgt und schlecht betreut wurde. Die Ärzte des Landeskrankenhauses Klagenfurt verweigern jede Stellungnahme. Im Justizministerium versichert der zuständige Sektionschef Michael Neider, dass "alles Erdenkliche unternommen wurde". Die Justiz treffe kein Verschulden. Zur Zeit obduziert der Grazer Gerichtsmediziner Peter Grabuschnigg die Leiche.

Schizophrenie

Harald K. litt an Schizophrenie und missbrauchte Medikamente. Hatte er in der Haft nicht jene intensive medizinische und psychiatrische Betreuung erhalten, die er gebraucht hätte? "Du schaust nicht gut aus!", sagte ein besorgter Justizbeamter des Klagenfurter Gefängnisses noch am Samstag zu dem Gefangenen. "Ich bin auf Entzug", klagte der Kranke. Die Beamten führten den Burschen ins Spital. Dort, so behaupten nun die Brüder des Toten, habe man ihm ohne gründliche Untersuchung dreimal 70 Milligram Heptadon, ein starkes opiathältiges Medikament, das als Ersatzstoff für Heroinsüchtige verschrieben wird, gegeben und den Häftling wieder als "hafttauglich" in seine Zelle gesperrt. Den nächsten Tag hat der Bursche nicht mehr überlebt.

"Warum hat man ihm ein Opiat verschrieben? Unser Bruder war doch gar nicht opiatabhängig, sondern missbrauchte Medikamente", wundern sich nun die Brüder im "Falter" und vermuten einen ärztlichen Kunstfehler, der im Gefängnis wegen schlechter medizinischer Ausstattung nicht bemerkt wurde. In zwei Wochen soll der Obduktionsbericht vorliegen. Dann wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob Anklage erhoben wird.

Studie: Selbstmordrate in Österreich steigt signifikant

Der "Falter" veröffentlicht in seiner kommenden Ausgabe ebenfalls eine Studie, die besagt, dass ein Jahr nach dem Stein-Skandal die Selbstmordrate in Österreichs Gefängnissen "signifikant" steige. Immer mehr psychisch Kranke landen in Gefängnissen, anstatt in Krankenhäusern. Schuld daran sei die liberale Psychiatriereform.

Die Studie hat ein vom Justizministerium unabhängiges Forscherteam in der Zeitschrift "Recht und Psychiatrie" durchgeführt. Das Team rund um den Wiener Psychiater Patrick Frottier - er ist Chef des "Forensischen Nachbetreuungsambulanz", das sich um aus der Haft entlassene, psychisch kranke Häftlinge kümmert - hat erstmals alle Suizide in allen 29 Österreichischen Justizanstalten seit 1975 untersucht.

Das Ergebnis: "Die Selbstmordrate steigt seit 1975 signifikant an". Wörtlich heisst es: "Sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Haftanstalten müssen die Ressourcen vermehrt werden. Ansonsten wird das Gefängnis für immer mehr Patienten die letzte psychiatrische Anstalt werden". Die Kranken bekämen immer weniger medizinische Betreuung, obwohl sie nur zum Verlust der Freiheit, jedoch nicht zum Verlust ihrer Gesundheit verurteilt wurden. Frottier im Gespräch mit dem Falter: "Damit Menschen in Gefängnissen die gleiche medizinische Behandlung bekommen, wie jene in Freiheit, müsste die Anzahl des psychiatrischen Pflegepersonals um das sechsfache erhöht werden." (red)

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Falter

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    Die Situation in Österreichs Gefängnissen auf dem Prüfstand: eine Studie ergab, dass die Selbstmordrate bei Häftlingen signifikant ansteigt.

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