Sieg der Nationalisten sei Schlag ins Gesicht für internationale Gemeinschaft

8. Oktober 2002, 13:21
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Wien - Internationale Zeitungen widmen am Dienstag dem Sieg der nationalistisch orientierten Politiker und Parteien bei den allgemeinen Wahlen in Bosnien-Herzegowina zahlreiche Kommentare.

"Neue Zürcher Zeitung"

"Das zwar noch nicht definitive, aber eindeutige Resultat muss von der so genannten internationalen Gemeinschaft als ein Schlag ins Gesicht empfunden werden. Der bosnischen Bevölkerung war vor den Wahlen von internationaler Seite eingehämmert worden, dass sich das Land nur dann wirtschaftlich erholen und in Europa integrieren werde, wenn die reformorientierten Politiker die Geschicke des Landes bestimmten. Im Falle eines Siegs der Nationalisten drohe dem Land ein politischer und wirtschaftlicher Rückfall. Die westlichen Protektoren müssen nun aber zur Kenntnis nehmen, dass sich die Bosnier in ihrer Mehrheit von diesen Mahnungen und düsteren Prophezeiungen in keiner Weise beeindrucken ließen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Die SDP, die im Gegensatz zu den nationalistischen Kräften nicht als parlamentarischer Arm einer der drei großen Bevölkerungsgruppen des Staates auftritt, hatte bei den Wahlen im November 2000 einen Erfolg erzielt, der vor allem bei Vertretern der Staatengemeinschaft die Hoffnung weckte, dass die Zeit der ethnozentrischen Klientelparteien in dem Land zu Ende gehe. Die ersten offiziellen Wahlresultate aus Sarajevo verdeutlichten am Montag indes, dass davon trotz der anders lautenden Interpretation von Ashdown vorerst nicht die Rede sein kann."

"Frankfurter Rundschau"

"Der Wahltag in Bosnien war der Tag der Wahrheit. Die Erfolge für die nationalistischen Parteien der moslemischen, kroatischen und serbischen Bevölkerungsgruppen legen offen, wie weit die Bürger von der europäischen Vision eines multiethnischen Staates entfernt sind. Identitätsstiftend ist für die meisten Bosnier unverändert die ethnische Zugehörigkeit und damit auch die Unterstützung für die alten Kriegsparteien. Nur eine Minderheit versteht sich als bosnische Staatsbürger und fand ein Votum für die multiethnischen Sozialdemokraten nach deren zweijähriger Regierungszeit noch attraktiv."

"Berliner Zeitung"

"Bosnien-Herzegowina als Staat, in dem die völkischen Grenzen überwunden sind, ist eine Vision geblieben. In Wirklichkeit besteht das Land weiterhin aus drei konkurrierenden Kleinstaaten und einer internationalen Aufsichtsbehörde. Multi-ethnisch sind in Bosnien-Herzegowina nur die beiden wichtigsten Wirtschaftszweige: Kriminalität und Korruption. Sie kennen keine Grenzen. Doch die Verbrechen brauchen Menschen, die in Grenzen denken und in Grenzen wählen." (APA)

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