Kommentar der anderen: Gute Chancen für Verrückte

7. Oktober 2002, 21:31
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Die Freude über eine NR-Wahl ohne Haider in tragender Rolle dürfte nur von kurzer Dauer sein - Meint Karl Staudinger*

Wir haben uns daran gewöhnt, vorsichtig zu sein mit Einschätzungen rund um das politische Phänomen Haider. Eines allerdings ist sicher: Die Ausgangslage für die kommende Nationalratswahl ist - nicht erst seit dem Absturz im Burgenland - denkbar schlecht für die FPÖ, und es ist möglich, dass Haider erstmals in einem Nationalratswahlkampf keine herausragende Rolle spielen wird.

Diese erfreuliche Entwicklung verdanken wir dem Hochwasser und der Führungskrise, die im Gefolge der Flut in der Freiheitlichen Partei ausbrach. Wir verdanken sie nicht den KritikerInnen von Schwarz-Blau, nicht der Demokratischen Initiative und nicht den vielen Haiderologen dieses Landes, die uns zuletzt noch dutzendweise über Zeitungskommentare mit psychiatrischen Gutachten über ihr Lieblingsobjekt versorgt haben.

Wenn überhaupt jemand außerhalb der FPÖ zu dieser Entwicklung beigetragen hat, dann war dies - mit welchen Motiven auch immer - Wolfgang Schüssel, der die Freiheitlichen der Belastungsprobe der Regierungsarbeit ausgesetzt hat, an der sie gescheitert sind.

Der nächste Haider ...

Daraus kann man lernen, wenn man will. Zum einen: Politische Sympathien entstehen und vergehen selten nach moralischen Kriterien. Man mag dies bedauern, es zu leugnen bringt aber nichts. Haiders aggressiver politischer Stil, ja, selbst die Niedertracht, die in vielen seiner politischen Manöver offen zum Ausdruck kam, waren Trägerraketen seines Erfolgs. Man hat geglaubt, ihn mit dem Hinweis auf seine ungehörige Aggressivität ins politische Out befördern zu können, doch "zieht" das Böse und Unmoralische einfach mehr als das Brave und Gute.

Das hat Aristophanes schon vor 2500 Jahren erkannt, indem er in der Komödie "Die Wolken" den rhetorischen Wettstreit zwischen dem Unrecht und dem Recht zugunsten des Unrechts ausgehen ließ - allerdings nicht ohne dabei das Volk als "Ärschlingsvolk" zu bezeichnen.

Zweitens: Die Spaltung, die Haider betrieben hat - er und der Kleine Mann auf der einen und die "Gutmenschen" auf der anderen Seite - ist ihm so perfekt gelungen, dass seine eigene Freunderlwirtschaft und seine mehrfach privilegierte persönliche Situation von seinen Anhängern entweder gar nicht oder positiv wahrgenommen wurden.

Statt diese Kluft zu überwinden, haben viele Aktionen gegen Haider wesentlich zu ihrer Vertiefung beigetragen. Eine Werbung um die Anhänger der Freiheitlichen beginnt erst jetzt, nachdem der Spuk vorbei ist (vorbei zu sein scheint), davor hat man sich kaum bemüht, ihre Bedürfnislagen zu verstehen und sich auf eine Auseinandersetzung mit ihnen - vor allem auch: mit ihren Ängsten - einzulassen.

Drittens: Wilfred Bion, einer der Pioniere der Gruppenanalyse, hat beobachtet, dass Gruppen mit starken Abhängigkeitsbedürfnissen in Situationen der Führungs- und Strukturlosigkeit dazu neigen, jenes Mitglied zu ihrem Führer zu machen, das am meisten "durcheinander" (mentally disordered) ist.

... kommt bestimmt

Es spricht einiges dafür, dass unsere Gesellschaft eine solche Gruppe ist: Die Zuspitzung der Wahlwerbung auf den/die SpitzenkandidatIn ist ein Indiz dafür, eine Konzession an den naiven Glauben an die (All)macht starker Persönlichkeiten. Dieser Glaube ist so zwingend, dass mittlerweile auch die Grünen - mit Erfolg - auf diesem Kurs segeln. Wir brauchen diese Personen offenbar als Symbole, um darauf vertrauen zu können, dass wir in dieser Gesellschaft gut aufgehoben sind. Der Druck auf SpitzenpolitikerInnen wird damit noch stärker, ihre unvermeidlichen (Führungs-)Schwächen besonders gefährlich.

Alfred Gusenbauer hat Recht, wenn er immer wieder vor gesellschaftlichen Spaltungstendenzen warnt. Gefährlich ist vor allem die Spaltung zwischen jenen, die sensibel für menschliche Werte sind, und jenen, die - etwa in der Debatte um den Zuzug von AusländerInnen - die einfachste, billigste und schnellste Lösung ihres persönlichen Problems wollen. Die Überwindung dieser Kluft wäre auch ein Stück Staudamm gegen rechtspopulistisches Hochwasser.

Die vergangenen zweieinhalb Jahre haben uns diesbezüglich nicht weitergebracht, im Gegenteil: Der Handlungs-und Lernbedarf wird offenbar nicht erkannt, die Einteilung der Welt in gut und böse ist einfach bequemer. Zu befürchten ist deshalb, dass die oben angesprochene erfreuliche Entwicklung nur kurzfristiger Natur sein wird. Der nächste "Wahnsinnige" wird seine Chance bekommen.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

*Der Autor ist Strategieberater und Politiktrainer und lebt in Pressbaum bei Wien.
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