Vertrauen in Lula

7. Oktober 2002, 21:27
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Niemand erwartet unter Lula einen dramatischen Kurswechsel in Brasilien - Von Eric Frey

Noch bevor Millionen Brasilianer am Sonntag ihren Präsidenten wählten, hatten Tausende von Investoren ihre eigene Stimme abgegeben. Während sich fast die Hälfte der Wähler für den Linkskandidaten Luís Inácio "Lula" da Silva entschieden, wurden in den Finanzmärkten massenweise brasilianische Staatsanleihen verkauft. Das trieb die Zinsen in die Höhe und ließ die Landeswährung Real abstürzen.

Diese Reaktion ist einerseits verständlich: Bis vor kurzem hat Lula einen Rückzahlungsstopp auf Brasiliens Auslandsschulden von 290 Milliarden Euro nicht ausgeschlossen. Andererseits schlug der Sozialist im Wahlkampf zunehmend moderate Töne an und machte sowohl mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Brasilien mit dem größten Kredit seiner Geschichte aus der Krise helfen will, als auch mit Vertretern der Elite seinen Frieden. Niemand erwartet unter Lula einen dramatischen Kurswechsel im größten Land Lateinamerikas, dessen fundamentale Wirtschaftsdaten sich auch dank einer selbstbewussten Entwicklungspolitik sehen lassen können.

Das Hauptproblem Brasiliens ist die hohe Staatsverschuldung. Der schwache Real fördert die Exporte, erschwert aber - ebenso wie die steigenden Zinsen - die Bedienung der Auslandsschulden. Geht diese Entwicklung weiter, könnte dies einen frisch gebackenen Präsidenten Lula genau zu jenem Zahlungsstopp zwingen, vor dem sich die Märkte so fürchten. Das hätte schlimme Folgen für die Weltwirtschaft.

Das zu verhindern liegt im Interesse aller politischen Kräfte ebenso wie der Investoren. Vertrauen in ein Land lässt sich nicht befehlen, aber ein sachlich geführter Stichwahlkampf und einige positive Signale aus Washington könnten dem unaufhaltbaren Machtwechsel in Brasilien den Stachel nehmen.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

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