Kolumne: Bush jun. und die Gefahr der Hybris

7. Oktober 2002, 20:45
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Die Zweifel an der Strategie von George W. Bush und seinen Hardliner zum Sturz von Saddam Hussein wachsen nahezu täglich - Von Hans Rauscher

Der Irak und die Welt sollten von Saddam Hussein befreit werden, daran besteht kein Zweifel. Ob die Befreiung auf die Weise erfolgen soll oder kann, wie George W. Bush und seine Hardliner sich das vorstellen, daran wachsen die Zweifel nahezu täglich.

George Bush senior bemühte sich 1990/91 geduldig um die Zusammenstellung einer Koalition von 36 Staaten gegen Saddam. George Bush junior scheint die europäischen und sonstigen Bedenkenträger mit einer imperialen Geste abzutun. Einiges davon ist auch eine Reaktion auf die teilweise erbärmliche Haltung in Europa und der Dritten Welt gegenüber den USA nach dem 11. September. Aber das birgt trotzdem die Gefahr der Hybris, des frevelhaften Hochmuts der Antike. Daran scheitern Staaten und Imperien auf der Höhe ihrer Macht, nicht einmal so sehr an der Stärke ihrer Feinde.

Bush ist nach seinen eigenen Aussagen zum Krieg entschlossen. Der amerikanische Präsident hielt Montagabend amerikanischer Zeit eine große Rede, in der er sozusagen die Begründung und die Ziele dazu liefern wollte. Das ist auch höchst notwendig. Denn nach wie vor unbeantwortet ist die Frage, ob Saddam eine akute Gefahr für die Welt und die USA darstellt und ob ein Krieg gegen ihn tatsächlich Teil eines Krieges gegen den Terrorismus darstellt.

Unbeantwortet ist auch die Frage nach den Zielen des geplanten Krieges: Ist es die "Entwaffnung" Saddams oder ist es "regime change" im Irak, also der Sturz Saddams, oder sind es noch weitergehende Ziele, nämlich "regime change" in der gesamten, von Despotien beherrschten Region - Iran, Syrien und Saudi-Arabien inklusive?

Es kann gut sein, dass die Befürchtungen, die sich daran knüpfen, so unberechtigt sind wie die apokalyptischen Ängste, die es schon 1991 im Irak-Krieg, dann 1995 und 1999 in Bosnien und 2001 in Afghanistan gab. Jedes Mal wurde kein "Vietnam" daraus, jedes Mal wurden Aggressoren gestoppt.

Diesmal bleibt aber ein starkes Unbehagen. Saddam hat keinen eklatanten Kriegsgrund geliefert wie 1990 durch den Überfall auf Kuwait. Diesmal wird er wohl nicht zögern, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, weil er weiß, dass es ihm an den Kragen geht. Diesmal wäre es ein klarer Präventivkrieg, der den westlichen Demokratien fremd ist.

Dazu kommt die wirtschaftliche Unsicherheit. Die Börsen stürzen nicht nur, aber auch wegen der Furcht vor einem Krieg ab. 70 Prozent der Amerikaner sind der Meinung, Bush sollte sich nicht nur um Al Qai'da und Saddam, sondern um die Wirtschaft kümmern (its the economy, stupid! - hatte ein berühmter Wahlkämpfer Clintons an der Wand hängen). Und was das betrifft: zwar sind rund 60 Prozent der Amerikaner für den Krieg, aber nur, wenn die USA nicht allein gehen.

Das Irritierende ist, dass die Argumentation der Regierung Bush nicht völlig abgetan werden kann, aber auch nicht völlig überzeugt. Saddam in den Besitz einer nuklearen Waffe kommen zu lassen und sei es nur einer kleinen "schmutzigen Rucksackbombe" wäre eine Katastrophe; gleichzeitig erfüllt die Grundhaltung der Bushies auch Vertreter einer harten Linie gegenüber Aggressoren und Völkermördern (wie den Autor dieser Zeilen) mit Zweifeln. Zweifellos bedarf die ganze Region einer Demokratisierung - und warum sollte sie nicht gelingen, wie sie (unblutig!) mit dem Sowjetreich gelungen ist? Aber ist das nonchalant und letztlich konzeptlos wirkende Vorgehen der Regierung Bush dazu geeignet? Das ist die Frage, auf die man sich von der Bush-Rede bessere Antworten als bisher erhofft.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

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