Saurier sterben langsam

8. Oktober 2002, 12:11
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Am Beispiel Bosnien: Mangel an Perspektiven hält den Nationalismus am Leben - Von Josef Kirchengast

"Das Zeitalter der nationalen Dinosaurier ist endgültig vorbei." Das sagte vor etwa einem halben Jahr der damalige Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft für Bosnien-Herzegowina, Wolfgang Petritsch. Er bezog sich damit auf die von ihm angeordneten Verfassungsänderungen in den beiden Teilrepubliken, der Bosniakisch- kroatischen Föderation und der Republika Srpska. Sie schreiben die Gleichberechtigung aller drei Bevölkerungsgruppen - Bosniaken (Muslime), Kroaten und Serben - in beiden "Entitäten" fest.

Petritsch, der Ende Mai von dem Briten Paddy Ashdown abgelöst wurde, setzte die neuen Verfassungen gegen den Widerstand nationalistischer Kräfte in allen Lagern durch. Ebendiese Kräfte sind aus den jüngsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Gesamtstaat und den beiden Teileinheiten als - relative - Sieger hervorgegangen.

Bei aller Anerkennung seiner Verdienste um den Stabilisierungs- und Demokratisierungsprozess in Bosnien-Herzegowina: Petritschs Verkündigung des Aussterbens der "nationalen Dinosaurier" war wohl etwas voreilig. Schon der Vergleich mit den Vorbildern in der prähistorischen Fauna sollte vorsichtig machen: Immerhin waren die Dinosaurier rund 120 Millionen Jahre die dominierende Art; und ob sie sich selbst die Lebensgrundlage entzogen oder durch äußere Einflüsse ausstarben, ist keineswegs geklärt.

Dagegen liegen die Ursachen für die Zählebigkeit der politischen Dinosaurier in weiten Teilen des ehemaligen Jugoslawien - der erste Durchgang der Präsidentschaftswahlen in Serbien hatte ja ein ähnliches Ergebnis - auf der Hand. Für Bosnien- Herzegowina ist zunächst festzuhalten, dass die äußerst niedrige Wahlbeteiligung die Nationalisten begünstigte und damit ein verzerrtes Bild der wahren Stimmung im Land zeichnet.

Das kann allerdings keine Entschuldigung für Versäumnisse und Fehler der gesamtbosnischen Regierung sein. Nach den Wahlen vor zwei Jahren gab es erstmals einen Machtwechsel von den Nationalisten zu gemäßigten, über- national orientierten Parteien. Die Erwartungen der Bürger, vor allem auch der vielen zurückgekehrten Flüchtlinge, waren hoch. (2001 kehrten nach Angaben des UN- Flüchtlingshilfswerks rund 92.000 Flüchtlinge in die so genannten Minderheitengebiete zurück, mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor.)

Doch die Hoffnungen wurden vielfach enttäuscht. In vielen Gebieten liegt die Arbeitslosigkeit bei mehr als 50 Prozent. Die Reformversprechen der gesamtbosnischen Regierung blieben weit gehend unerfüllt. Hauptursache ist wohl die in allen Verwaltungsebenen allgegenwärtige Korruption. Sie schreckt auch die meisten potenziellen ausländischen Investoren ab und verhindert damit eine positive Wirtschaftsentwicklung. Dafür gäbe es vor allem im mittelständischen Bereich durch- aus gute Voraussetzungen und teils auch schon viel versprechende Ansätze.

Bei den beschriebenen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen darf es freilich nicht verwundern, dass fast die Hälfte der Wähler frustriert zu Hause blieb und die Mehrheit der anderen Hälfte sich an die vertrauten nationalen Macht- und Einflussstrukturen hielt, offensichtlich nach dem Motto "Gauner auch dort, aber wenigstens unsere eigenen". Das Wahlergebnis ist somit, wie schon im Falle Serbiens, eine Warnung an die internationale Gemeinschaft. Der allseits spürbare Überdruss an den Problemen "dort unten", eine gewisse Balkan-Fatigue, die sich breit gemacht hat, kann sich rächen.

Dabei ist es an sich schon ein Erfolg, dass die erstmals von den bosnischen Behörden selbst organisierten Wahlen regulär abliefen, nur sieben Jahre nach dem blutigsten Krieg, den Europa seit 1945 erlebt hat. Wie sehr diese Wahlen das Leben der nationalen Dinosaurier verlängern, liegt nun mehr denn je an jenem "robusten" internationalen Einsatz, den Wolfgang Petritsch bei seinem Abschied von Sarajewo beschworen hat.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

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