"Wichtiger Multiplikatoreffekt möglich"

8. Oktober 2002, 17:04
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Experten zum Internet als Wahlkampf-Ort - Relaunch bei SPÖ, ÖVP und Grünen erfolgt, FPÖ "Under Construction" - Mit Umfrage

Wien – Wahlkämpfen heißt Kontakte sammeln. Möglichst viele in möglichst kurzer Zeit. Neben "echten" Bürgerkontakten und massenmedialen Einwegbotschaften spielen virtuelle Begegnungen zwischen Spitzenkandidat und potenziellen Wählern eine immer größere Rolle: im Internet.

Dementsprechend groß ist das Augenmerk der Wahlkampfmanager auf den virtuellen Marktplatz im Cyberspace. ÖVP und SPÖ haben ihre Internetseiten schon auf Vordermann gebracht und die Spitzenkandidaten in Szene gesetzt. Die FPÖ stellt ihre überarbeitete Site in ein paar Tagen vor, die Grünen rüsten ihre Homepage auch noch auf.

Infos für die Info-Elite

Mit gutem Grund, meint der Politologe Fritz Plasser im STANDARD-Gespräch. Zwar werde das Internet als Wahlkampfort "noch sehr oft überschätzt", habe aber (siehe Amerika) große Zukunft. Denn die "kleine, überschaubare Gruppe", die regelmäßig politische Informationsangebote im Netz nutzt (vier bis fünf Prozent der Internetuser), ist "als Zielgruppe sehr relevant" für die Parteien, so Plasser – jünger, meist überdurchschnittlich gebildet, überdurchschnittlich informiert.

Wer diese meinungsbildende "politische Info-Elite" zu seiner Homepage umdirigiert, kann im Idealfall einen wichtigen Multiplikatoreffekt generieren – aber auch schnell wieder verlieren. Denn diese anspruchsvolle Zielgruppe stellt bei überholten Seiten oder fehlender "Zwei-Weg-Kommunikation" (wenn es etwa Wochen dauert, bis eine E-Mail mit Standardbrief beantwortet wird) den Besuch der Homepage schnell ein. Mit einem inspirierten Internetauftritt könnten die Parteien indes "Modernität" signalisieren. Wahlentscheidend sei das Internet sicher nicht, meint Plasser.

Wichtige Ergänzung im Mediamix

Auch für seinen Kollegen Peter Filzmaier von der Uni Innsbruck ist Web-Campaigning eine "wichtige Ergänzung" im Mediamix eines Wahlkampfes, aber "sicher kein Schlüsselfaktor" bei der Wahl. Nach wie vor kennzeichnend für die "Teledemokratie" sei die unumstrittene "Dominanz des TV-Wahlkampfes". 70 Prozent der Wähler nennen die Fernsehauftritte der Kandidaten als wichtigstes Wahlmotiv, mit Abstand folgen Zeitungen und Radio, Plakate und dann das Internet.

Ungeachtet des nicht eindeutig messbaren Nutzens der Internetperformance sagt FPÖ-Generalsekretär Karl Schweitzer: "Niemand traut sich, es nicht zu machen." Im Netz erreiche man eine neue junge Zielgruppe.

"Es rechnet sich", verweist auch ÖVP-Wahlkampfmanager Reinhold Lopatka im Standard-Gespräch auf eine Verdoppelung der Zugriffe auf die ÖVP-Site seit der jüngsten Neugestaltung. Bis zu 5000 User klinkten sich täglich bei der Volkspartei ein. Lopatka reiht das Internet als wahlentscheidendes Medium nach TV-Duellen und persönlichen Kontakten noch vor das Plakat.

Virtueller Cont@iner der SPÖ

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures präsentierte neben dem echten Containerdorf vor dem Burgtheater einen virtuellen Cont@iner, in dem sich "Netzaktivisten engagieren können".

Die Grünen setzen bewusst auf die "Internetgeneration", sagt Wahlkampfleiter Felix Ehrnhöfer. Ganz nach amerikanischem Vorbild werden Wahlkampfhelfer online rekrutiert. Sogar blindengerechte Infos gibt es auf der Seite. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

  • Eine "Info-Elite" wird per Internet erreicht
    montage: derstandard.at

    Eine "Info-Elite" wird per Internet erreicht

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