Vorstoß gegen "Hort des Terrors"

7. Oktober 2002, 17:37
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Premier Sharon hängt seinen Ministern einen Maulkorb zum Thema Irak um

Während der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat nach dem Vorstoß israelischer Truppen im Gazastreifen von einem "Massaker" sprach und wieder die Entsendung von Beobachtern forderte, "um den Palästinensern internationalen Schutz zu verschaffen", wies Israels Vizeverteidigungsminister Weizmann Shiri den Palästinensern, die sich hinter Zivilisten verstecken würden und "aus jedem Fenster" gefeuert hätten, die Schuld zu: "Dort sitzen die Hamas-Leute, und wenn unschuldige Bürger zu Schaden kommen, tut uns das Leid, aber was sollen wir machen, das ist der Krieg."

Es sollte ein blitzartiger, punktueller Vorstoß gegen einen der "Horte des Terrors" im Gazastreifen werden - doch wie so oft, wenn der Kampf in dicht besiedeltes Gebiet getragen wurde, war der Ausgang katastrophal. Die Operation in Khan Younis war beinahe schon abgeschlossen, als ein Hubschrauber eine Rakete abfeuerte, die auf der Straße in einer Menschenmenge explodierte. Die Israelis versichern, sie seien zuvor aus der Menge heraus beschossen worden. Nach israelischen Vermutungen sind der Großteil der Getöteten bewaffnete Kämpfer.

Im Gazastreifen ist der Apparat des "Volkswiderstandskomitees", einer Art Dachverband der extremistischen Palästinensergruppen, relativ intakt. Weil das Gebiet von einem Sicherheitszaun umgeben ist, kommen Terroristen fast nie nach Israel durch, täglich werden aber israelische Siedlungen im Gazastreifen selbst oder nahe der Grenze mit Mörsergranaten oder Kassam-Raketen beschossen. Vor einer Wiederbesetzung schreckt die israelische Armee jedoch zurück: Ein Guerillakrieg in dem winzigen, aber dicht besiedelten Gebiet wäre gefährlich und heikel, zudem wäre er politisch nicht durchzuziehen - erst vor rund einer Woche hatte US-Präsident George Bush die Israelis ja von der Belagerung Yassir Arafats zurückgepfiffen.

Für den "gewöhnlichen" Kampf gegen den Terror gibt es indessen weiterhin diskretes grünes Licht aus Washington, die USA beschwören Israel lediglich, möglichst unauffällig zu bleiben und die Vorbereitung des Irak-Feldzugs nicht zu stören. Auf Wunsch von Bush hat Israels Premier Ariel Sharon seinen Ministern sogar einen Maulkorb umgehängt - sie sollen ihre wohlwollenden Kommentare über den erwarteten Angriff und die Spekulationen über die mögliche israelische Reaktion für sich behalten.

Obwohl niemand mit Fortschritten rechnet, solange die Irak-Krise andauert, war Javier Solana gestern wieder im Nahen Osten unterwegs. Der EU- Außenpolitikbeauftragte wollte auch zu Arafat nach Ramallah fahren, obwohl die Israelis davon abgeraten hatten - das wäre eine "Zeitverschwendung" und würde "nicht dazu beitragen, den gemäßigten Elementen unter den Palästinensern zu helfen".(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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