Blicke auf (scheinbare) Kleinigkeiten

16. Oktober 2002, 17:37
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Mehr denn je setzt sich die "Viennale" vom Kinoalltag und seinen etablierten Werten ab - etwa mit einem kleinen Wunder zur Eröffnung

Mehr denn je setzt sich die "Viennale" bei der Erkundung von weniger bekanntem filmischen Terrain vom Kinoalltag und seinen etablierten Werten ab. Schon der Eröffnungsfilm, Nicolas Philiberts "Etre et avoir", ist ein kleines Wunder, ein Glücksmoment, der die obligate Gala zum Auftakt neu definieren könnte.


"Manche decken dauernd Verbrechen auf, andere Schönheit", schreibt Klaus Theweleit im diesjährigen Viennale-Katalog über die deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe. Sie ist heuer im Juli gestorben, deshalb widmet Viennale-Direktor Hans Hurch ihr nicht nur eine Hommage, sondern stellt das ganze diesjährige Festival unter das Zeichen des Andenkens: an eine "Amateurin", die dem Denken und dem Schreiben über das Kino nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch in stetem Kontakt etwa zu den Cineasten der Nouvelle Vague einen offenen Tonfall erschlossen hat. Die als Übersetzerin, Lesende und, ja, Literatin das Kino weitergeschrieben hat - in einen öffentlichen Raum, der diesem Medium vorher nicht den Kunstanspruch zugestehen wollte, den man ihm heute selbstverständlich beimisst.

Wenn heuer in Wien also Agnès Varda die Weltpremiere ihres neuen Films über Sammler, Deux ans après, ebenfalls Frieda Grafe widmet, dann illustriert dies zwei programmatische Kontinuitäten der Viennale - Konstanten, deretwegen die Wiener Filmfestwochen mittlerweile und nach einer wechselhaften 40-jährigen Geschichte tatsächlich notwendig und unverwechselbar geworden sind.

Spätestens seit den Direktoren Wolfgang Ainberger und Alexander Horwath erzählt ein überbordendes Programm von einer Sammlerleidenschaft, die Gattungen, Geschichten, Kulturen ziemlich kühn und offen nebeneinander stellt. Und unter Hans Hurch hat sich die Viennale verstärkt auch als kreativer Begegnungsort etabliert.

Dem Vernehmen nach hat etwa der Filmemacher und Viennale-Stammgast Jean-Marie Straub wesentlich dazu beigetragen, dass die diesjährige Retrospektive für Jacques Rivette zustande kam. Oder: Als Treffpunkt deutscher Filmkünstler und -denker (Hanns Zischler, Hartmut Bitomsky, Peter Nestler, Heinz Emigholz, Klaus Wyborny etc.) findet das Festival so schnell nicht seinesgleichen - es ist fast ein bisschen schade, dass diese Verbindungen in öffentlichen Gesprächen bis dato nicht besser genutzt wurden.

Keine falsche Klarheit

Andererseits: Hurch hält es da vermutlich ein wenig mit Grafe, der Theweleit dafür dankt, dass sie nicht schrieb, „um etwas zu klären. Es ist nicht der einzelne zitierbare Satz, auf den es ankommt, die Gleichung, die aufgeht. Bündiges Verstandenhaben hat vielmehr einen Haken: Im Moment des Verstehens hört das Denken auf. Der Körper klinkt ein mit sich selbst und setzt sich zur Ruhe. Denken ist eine Bewegung überm Unbekannten. So tippt Grafe vieles exakt an, honoriert scheinbare Kleinigkeiten, wechselt den Ort, spricht aus anderen Blickwinkeln, immer im Film.“ Nun, das ist eigentlich auch eine schöne Beschreibung der produktiven Unruhe, in den uns ein gutes Filmfestival versetzen kann.

Gut möglich, dass dies heuer besser denn je gelingt: Das Viennale-Programm 2002 ist auf unspekulative Weise anspruchsvoll. Erstmals brachte man es etwa zustande, zum Auftakt nicht einen "anspruchsvollen zukünftigen Programmkinohit des Jahres" zu zeigen - sondern eine echte Entdeckung: Nicolas Philiberts Dokumentarfilm Etre et avoir lief heuer beim Festival in Cannes praktisch versteckt in einem Seiten-Seitenprogramm. Dabei: Wer ihn nicht gesehen hat, ist ein weniger glücklicher Mensch.

Auch Etre et avoir ist voll mit "scheinbaren Kleinigkeiten": Philibert machte eine Landschule in der Auvergne ausfindig, in der Bauernkinder vom Kindergartenalter bis zum zehnten Lebensjahr in einer gemeinsamen Klasse unterrichtet werden. Georges Lopez, der Dorfschulmeister, der sie mit sanfter Bestimmtheit zum Schreiben, Rechnen und Denken führt, steht vor der Pensionierung. Seine "Methode" scheint traditionell - erst recht in Zeiten, in denen das Gros des intellektuellen Kinopublikums alles, was kein Schulversuch oder zumindest Montessori ist, eher wenig goutiert.

Wahrnehmungen

Auch darüber beginnt man dann nachzudenken. Philibert beobachtet Lopez und seine Schüler nicht mit dem Blick eines Reporters, sondern eines Lesers, für den in diesem kleinen Raum mit den Kinderzeichnungen an der Wand oft philosophische Fragen gestellt werden - im Sinne von "Essais", wie sie einst Montaigne verfasste.

Ein simpler Vorgang wie das Zählen wird plötzlich zum Drama über Wahrnehmungshorizonte und deren Überschreitungen. "Kann man nach 100 weiterzählen?", fragt der Lehrer. "Nein!", sagt ein Knirps bestimmt, aber etwas unaufmerksam, weil daneben gerade ein Streit unter Freunden im Gange ist. "101?", schlägt der Lehrer vor. Ach ja, es geht noch weiter. "Und 1000? Eine Million? Kann man dann weiterzählen?" "Nein ... Oder?" Viele solche "Oder?" wünschen wir uns heuer bei der Viennale. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)

Von Claus Philipp
  • Etre et avoirGartenbau18.10., 19.30 + 23.00
    foto: viennale

    Etre et avoir
    Gartenbau
    18.10., 19.30 + 23.00

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