Eine Straßenbahnfahrt

14. Oktober 2002, 17:27
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Welche der beiden alten Damen den Gesamtsieg eingefahren hatte, darin waren wir uneins...

Nur dass der Straßenbahnfahrer verloren hatte, war klar. G. meinte zwar, der Mann sei ein bisserl gehandicapped gewesen, aber unterm Strich - da war G. bei mir - unterm Strich hatte der Mann am Steuer verloren. Welche der beiden alten Damen den Gesamtsieg eingefahren hatte, darin waren wir uneins. Aber wir waren auch zu früh ausgestiegen.

Es war im D-Wagen. Am Vormittag. Die Bim war so gut wie leer, als sie Richtung Börse zuckelte. Studenten, Hausfrauen Pensionisten. Eine Frau mit Kopftuch und Kinderwagen saß dort, wo die Wiener Linien sie sitzen sehen wollen. Ihr gegenüber, den Rücken in Fahrtrichtung, ein altes Weiblein. Es war zittrig und mit zwei Einkaufssackerln die Straßenbahnstufen hinaufgeklettert. Dann kam die andere.

Die andere war mindestens zehn Jahre jünger. Also auch steinalt. Sie trug einen Sonnenhut mit Signet eines Tiroler Skiortes und verspiegelte Wraparound-Sonnenbrillen. Diese Insignien geriatrischer Juvenilität kompensierten ein Stock und eine Behindertenschleife. “Stehen Sie auf, das ist mein Platz” herrschte die stehende die sitzende Alte an.

Die Sitzende ignorierte die Stehende: Die Straßenbahn war leer. Eine Studentin stand auf, und bot ihren Platz an. “Bleiben Sie sitzen. Das da,” - der Stock zuckte in Richtung der Sitzenden - “ist mein Platz. Drum gibt es ja die Plaketten.” Die ersten Köpfe drehten sich. Die Kopftuchfrau stand auf. “Bitte, nehmen Sie den Platz.” Die mit dem Stock pfauchte: “Sitzenbleiben. Mit Kinderwagen darfst Du da sitzen. Das,” - wieder der Stock, diesmal schon in Richtung des Gesichtes der Sitzenden, “ist mein Platz.”

Stockflorett und Taschenaufreiber

Jetzt meldete sich die Sitzende. “Aber ich bin auch alt.” - “Ich bin behindert. Stehen Sie auf, Sie Trampel.” ­ - “Es sind genug andere Plätze frei.” - “Glauben´s die picken die Plaketten für wen die Sitze sind, zum Spaß her? Aufstehen. Dalli.” - “Ich tu mir schwer beim Gehen. Und da war frei.” - “Ich bin auch unbeweglich”, der Stock wedelte wie ein Florett, “drum stehen Sie jetzt auf.” - “Nix werde ich”, stellte die Sitzende ihre Einkaufstaschen ab und hob ihre Handtasche bedrohlich an, “Sie blöde Kuh werden mich in Ruhe lassen.”

Den Versuch, der stehenden Stockschwingerin einen andern Platz anzubieten hatten in der Zwischenzeit drei andere Fahrgäste unternommen. Erfolglos - und beschimpft. Die Sitzende rutschte mittlerweile geradezu kampflustig auf ihrem Sitz hin und her. "Was wollen Sie? Was wollen Sie?” Das Publikum war amüsiert. Irgendwann reichte es dem Fahrer: “Sie hören jetzt beide sofort auf. Und setzen sich. Alle beide.” Mehr brauchte es nicht. Nichts eint so sehr, wie ein gemeinsamer Feind. “Sie kümmern sich um den Verkehr.” ­- “Genau. Sie brauchen Ihre Konzentration für die Straße.” - “Passen´s gefälligst auf die Autos auf - sonst sind wir alle tot.” -­ “So ein frecher Mensch. Beschweren werde ich mich.” - “Ich werde gleich bei der Direktion anrufen. So ein ungehobelter Kerl.” Der Fahrer seufzte und gab auf.

Bei der nächsten Station mussten G. und ich aussteigen. Die beiden Alten hatten den Fahrer vergessen. “Sie stehen jetzt sofort auf. Oder es passiert was.” - “Einen Dreck werde ich. Wollen´s mich wegtragen?” Ein paar Reihen hinter uns packte ein Student einen Block aus: “Wetten werden angenommen.”

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