Bush appelliert an Skeptiker

8. Oktober 2002, 19:07
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Angesichts "klarer Anzeichen von Gefahr können wir nicht auf den endgültigen Beweis warten - die ,smoking gun' -, der in Form eines Atompilzes erscheinen könnte"

Nüchtern, nahezu besonnen wirkte US-Präsident George W. Bush bei seiner Rede über die drohende Gefahr seitens des Irak, mit der er drei Zielgruppen anzusprechen hoffte: diejenigen Amerikaner, die noch immer zweifeln, die Mitglieder des US-Kongresses und die Weltgemeinschaft, insbesondere die UNO. Bush legte systematisch alle bereits hinlänglich bekannten Argumente gegen den "mörderischen Tyrannen" Saddam Hussein vor und versuchte Kritikern, die befürchten, dass sich die USA nicht auf den Irak beschränken würden, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Der Irak sei "einzigartig" - die wichtigsten Bedrohungen unserer Zeit konzentrierten sich auf einen Platz.

Und Bush stellte eine neue Forderung auf: Der Irak müsse nicht nur total abrüsten, er solle darüber hinaus auch irakischen Zeugen die Erlaubnis erteilen, das Land mit ihren Familien zu verlassen, sodass sie in Sicherheit interviewt werden könnten.

Bush bemühte sich auch, eine Verbindung zwischen den Terrorangriffen des 11. September 2001 und einer möglichen Bedrohung der USA seitens des Irak herzustellen, legte aber keinerlei schlüssige Beweise einer Verbindung zwischen dem Irak und der Qa'ida vor. Jedoch: Weiterhin zuzuwarten sei zu gefährlich - die Folgen der Untätigkeit könnten "weit tödlicher" sein als die Attacken vor mehr als einem Jahr. Amerika sei nunmehr um vieles verletzbarer. Und er erntete Applaus mit dem Ausspruch: "Wir weigern uns, in Furcht zu leben."

Die 30-minütige Bush-Rede aus Cincinnati, Ohio, wurde von den großen Fernsehstationen (ABC, NBC und CBS) nicht aufgegriffen. Amerikaner ohne Kabelfernsehen konnten sie allerdings auf Fox News verfolgen. Etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner befürworten laut einer USA Today/CNN/Gallup-Umfrage einen Krieg mit dem Irak, im Vergleich zu 74 Prozent von vor einem Jahr.

Beide Kammern des US-Kongresses, das von Republikanern dominierte Repräsentantenhaus, mit deren Führern sich Bush bereits über den Wortlaut einer Resolution geeinigt hat, und der demokratisch dominierte Senat, könnten bereits diesen Donnerstag über eine entsprechende Irak-Resolution abstimmen: Trotz einigen Widerstandes seitens wichtiger Demokraten wie Edward Kennedy oder Robert Byrd könnte die Resolution mit einer Zweidrittelmehrheit verabschiedet werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2002)

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    Auf einen Krieg, der "weder unmittelbar bevorstehe noch unvermeidlich" sei, wollte US-Präsident George Bush die Amerikaner einschwören

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