Enttäuschung und Schock in Bozen

8. Oktober 2002, 15:18
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Friedensplatz wird wieder Siegesplatz heißen - Deutschsprachige Parteien organisieren Kundgebung

Bozens Bürgermeister Giovanni Salghetti-Drioli war "sehr enttäuscht", für seinen SVP-Vize Elmar Pichler-Rolle war es ein "Schock": 62 Prozent der Bozner sprachen sich Sonntag für den "Siegesplatz" aus, nur 38 Prozent stimmten für den "Friedensplatz". 62 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten sich an dem Referendum, in den mehrheitlich deutschen Stadtteilen war die Wahlbeteiligung deutlich niedriger als in den vorwiegend italienischen Vierteln.

Obwohl die von den Postfaschisten erzwungene Abstimmung nur beratenden Charakter hat, ließ die Stadtverwaltung am Montag keinen Zweifel offen: Der mitten in Bozen gelegene Friedensplatz, auf dem das martialische, vom Paradearchitekten des Mussolini-Regimes Marcello Piacentini entworfene und 1927 eingeweihte Siegesdenkmal steht, wird wieder den faschistischen Namen erhalten. Damit wird demnächst wieder an Italiens Sieg über Österreich im Ersten Weltkrieg und an die Eingliederung Südtirols in Italien erinnert.

Kein Rücktritt

Die Bozner Stadtratskoalition aus der Südtiroler Volkspartei (SVP) und Mitte-linksParteien, die bei den Wahlen vor zwei Jahren noch eine 60-Prozent-Mehrheit eingefahren hat, wollte trotz der klaren Niederlage weiterhin fürs friedliche Zusammenleben und für mehr Sensibilität zwischen den Volksgruppen kämpfen. Salghetti-Drioli, ein Proponent des Friedensplatzes, lehnte einen Rücktritt ab.

Landeshauptmann Luis Durnwalder und SVP-Obmann Siegfried Brugger hofften, dass die Rückbenennung nicht Auswirkungen auf Landesebene haben werde, dass jetzt nicht auch mehrheitlich deutsche Gemeinden italienische Ortsnamen abschaffen und damit zu einer weiteren Verschärfung des politischen Klimas beitragen. Beide sprachen von einem Pyrrhussieg, die von Forza Italia und Alleanza Nazionale (AN) angepeilte Regierungsbeteiligung in Bozen sei damit in weite Ferne gerückt.

Alle Südtiroler Parteien sahen auch eine bestimmte "Mitschuld" der Wiener Außenpolitik: Nachdem der postfaschistische Vizepremier Gianfranco Fini eine österreichische Ehrung als "Persil-Schein" für seine politische Linie im Bozner Wahlkampf in die Kameras gehalten hatte, protestierte Durnwalder "auf mehreren Ebenen" in Wien.

Kein Revanchismus

Österreichs "Italien"-Politik wurde einhellig als "dilettantisch" bezeichnet, der "Anbiederung" der schwarz-blauen Koalition an die italienische Rechte werde die Südtirolfrage geopfert. Die Schützen forderten von Wien ein Umdenken und gleichzeitig den Abriss des Siegesdenkmals. Die Südtiroler Grünen warnten indes vor Revanchismus. Das Ergebnis zeige, dass es nicht genüge, den "Frieden" einfach nur auszurufen.

In Rom wurde das Abstimmungsergebnis erfreut kommentiert: Kommunikationsminister Maurizio Gasparri (AN) meinte, jetzt sei "Schluss mit der Diskriminierung der Italiener" und für Forza-Italia-Minister Franco Frattini haben die Bürger Bozens endlich "die Arroganz besiegt".

In Wien indes zeigte sich Außenministerin Benita Ferrero-Waldner besorgt über den Ausgang des Referendums und erklärte: "Österreich wird weiterhin zu Südtirol halten." Andreas Khol, der Vorsitzende des Südtirol-Unterausschusses im Nationalrat bat darum, die Entscheidung nicht umzusetzen. Die FPÖ-Europaabgeordnete Daniela Raschhofer forderte, AN-Chef Fini solle aus dem EU-Reformkonvent entfernt werden.

Nach dem deutlichen Ja bei der Volksbefragung zur Rückbenennung des Bozner Friedensplatzes organisieren mehrere Südtiroler Parteien eine Protestkundgebung. Die Veranstaltung unter dem Motto "Für Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit" soll am Mittwochabend vor dem Rathaus in der Landeshauptstadt stattfinden.

Zu der Veranstaltung riefen vorerst die Union für Südtirol, die Freiheitlichen und die SVP-Fraktion im Rathaus auf. Auch die Schützen wollen daran teilnehmen. Die Kundgebung soll um 20.00 Uhr beginnen.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002/APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Siegesdenkmal am Bozener Friedensplatz

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