Kommentar der anderen: Meuterei auf der Sendefläche

6. Oktober 2002, 19:29
posten

Von Walter Wippersberg - Die Kulturredakteure des ORF proben den Aufstand gegen einen Zustand, den sie mit herbeigeführt haben ...

... ein wenig "patschert", ziemlich halbherzig, viel zu spät, aber immerhin.

***

Die Kulturredakteure des ORF-Fernsehens begehren also auf. Wer hätte das von ihnen gedacht! Haben sie nicht bisher alles, was die Geschäftsführung ihnen zugemutet hat, brav geschluckt und allenfalls in der Kantine ein wenig darüber gemault? Woher kommt nun der Mut, die Quotenlüge Quotenlüge zu nennen und die Sendeplatzlüge Sendeplatzlüge - und das auch noch öffentlich (vgl. STANDARD vom 5. 10.)?

Aber gemach, gemach! Man hört ja, nur etwa die Hälfte der Redakteure sei zu jener Versammlung gekommen, und das provokante Papier sei ein internes gewesen, an die Öffentlichkeit gelangt nur durch (allerdings offenbar gezielte) Indiskretion. Aber immerhin: Etlichen von denen, die das Kulturprogramm des ORF machen, scheinen Zweifel am eigenen Tun gekommen zu sein. Das lässt aufhorchen.

Tatsächlich ist ja die stereotyp wiederholte Behauptung, der ORF sei ein Kultursender oder räume der Kultur wenigstens breiten Platz ein, schon lange nicht mehr zu beweisen. Die Standardantwort auf so einen Vorwurf lautet, dass Kultur in der ZiB 1 vorkommt. Das gebe es nicht so bald bei einem Sender.

Mag sein, aber: Die meisten ZiB 1-Kulturmeldungen sind jedenfalls PR-Meldungen aus der Unterhaltungsindustrie und von den nachfolgenden Seitenblicke-Filmchen oft nur dadurch zu unterscheiden, dass Baumeister Lugner und "Societylady" Schiller nicht vorkommen.

Treffpunkt Kultur, die große Kultursendung des ORF und sein Stolz, ist, seit Barbara Rett und nicht mehr Karin Resetarits moderiert, wenigstens nicht mehr peinlich - aber was sonst? Brav vor allem. Biederer Ankündigungs- und Affirmationsjournalismus. Die Kritik, der Diskurs, die Konfrontation, die Polemik (kurz: alles, was Kultur eben auch ausmacht und was spannend wäre) bleiben weitgehend ausgespart.

Und die Kunst-Stücke wurden - von den aufbegehrenden Redakteur(inn)en exemplarisch beklagt und angeprangert - gar eingestellt! Freilich kann ich in die Klage nicht einstimmen. Die Kunst-Stücke sind lange schon tot, es war hoch an der Zeit, sie auch zu beerdigen. Allerdings ist dies zu kritisieren: Man hat diese ehemals interessante und innovative "Sendefläche" verkommen lassen. Zuerst hat man sie durch Streichung des Budgets für Eigenproduktionen ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Dann hat man getan, was man immer tut, wenn man nicht recht weiß, was man tun soll, sie nämlich mit "Comedy"-Teilen aufgemotzt. Man hat die Kunst-Stücke an immer unattraktivere Sendeplätze geschoben, kurzum: so lange an ihnen herumgedoktert, bis sie tot waren.

Nun ist es so weit, aber das heißt auch, dass Platz für Neues wäre. Doch wo und was ist das Neue, das die ehemalige Kunst-Stücke-Funktion erfüllen könnte?

Etwas für "die Jugend" hat man zusammengeschustert, u. a. mit - na eben! - "Comedy"-Elementen. Aber die Kunst-Stücke und ihre Vorläufersendungen waren einmal ein Platz, an dem etwas ausprobiert werden durfte. So etwas gibt es schon lange nicht mehr, stattdessen gibt es eine Art Entwicklungsabteilung, in der - den "Quotel" zu bedienen - neue Sendungen ausgeheckt werden, meist solche mit - na eben! - "Comedy"-Elementen.

Zur Erinnerung: Es gab vor den Kunst-Stücken die Impulse. Dort sind einmal Teile eines Hinterberger-Romans verfilmt worden - so erfolgreich, dass daraus ein Stück österreichischer Fernsehgeschichte geworden ist: die Serie Ein echter Wiener geht nicht unter. Davon (und nicht von einer Abspielfläche für so genannte Experimentalfilme) rede ich, wenn ich sage, es müsse einen Platz geben, wo etwas ausprobiert werden darf.

Wurschteln ...

Zur riesigen Hauptabteilung Kultur gehört auch eine Abteilung Fernsehfilm. Ich hoffe, der Redakteursprotest schließt sie mit ein, da doch das (früher so genannte) Fernsehspiel einmal ein Aushängeschild österreichischer Kultur war. Das ist lange her, und wer etwa in Retrospektiven (bei Festivals, nicht im ORF!) die Filme von damals sieht, dem können schon die Tränen des Zornes über nachfolgende Entwicklungen in die Augen treten.

Generalintendant Zeiler hat das Heil im Verzicht auf Qualitätsanspruch gesehen - und sich damit im eigenen Haus auch durchgesetzt. Seinem Nachfolger Gerhard Weis war, was solcherart entstanden, denn doch zu seicht. So ließ er einmal seine Mitarbeiter wissen, dass er sich mehr Filme wie Eine blassblaue Frauen- schrift wünsche. Und schon wurde in der Fernsehfilmabteilung die Parole ausgegeben, man wolle sich der Literaturverfilmung widmen, wobei man unter Literatur fast ausschließlich die vor 1930 erschienene verstand. Doch ach, fast alle verfilmbaren Schnitzlers und Zweigs waren ja längst verfilmt ... Und man hat ja eh kein Geld mehr, erst recht nicht für "Kostümfilme", die doch so teuer sind.

Inzwischen gibt es schon wieder eine neue Geschäftsführung, über deren Vorgaben für den Fernsehfilm (auch auf dem Küniglberg selbst) allerdings wenig bekannt ist.

... für den Quotel

So wurschtelt man halt dahin, und wenn ich es recht sehe, bestimmen eigentlich die Publikumslieblinge unter den Schauspielern das Programm. Kommt, so höre ich, ein Produzent mit einem Drehbuch daher, dessen Hauptrolle Senta Berger oder Christiane Hörbiger oder der Otti Schenk zu spielen bereit ist, schon hat er den Auftrag . . .

Dass kulturelles Niveau beim Publikum durchaus ankommen kann, beweist im eigenen ORF-Haus der Radiosender Ö1, der eines der besten Kulturprogramme der Welt liefert und sich über ständig steigende Zuhörerzahlen freuen darf. (Freilich kann dieses Lob nicht ungeschmälert bleiben, denn eben erst ist dieser Skandal bekannt geworden: Die Honorare der Hörspielautoren wurden auf 50 Prozent gekürzt.) Dass Qualitätsdenken auch im Fernsehen selbst noch möglich ist, zeigt übrigens die kleine Religionsabteilung, die zur Hauptabteilung Kultur gehört (oder jedenfalls einmal dazu gehört hat).

So möchte man den "aufständischen" Kulturredakteuren (so patschert ihre Resolution in manchen Teilen auch formuliert ist) einfach Erfolg wünschen, wobei man sie, nur weil sie jetzt aufmucken, nicht so einfach exkulpieren kann von der Mitschuld an den beklagten Zuständen.

Viele (nicht alle!) sind den unter Gerhard Zeiler begonnenen Weg der Selbstkommerzialisierung des ORF nicht nur mitgegangen, sondern viele (nicht alle!) sind in vorauseilendem Gehorsam sehr viel weiter gegangen, als sie hätten müssen.

*Der Autor ist Schriftsteller, Regisseur und ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie; für den ORF hat er zuletzt die Fake-Doku "Die Wahrheit über Österreich" gedreht. (DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2002)

Walter Wippersberg ist Schriftsteller, Regisseur und ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie; für den ORF hat er zuletzt die Fake-Doku "Die Wahrheit über Österreich" gedreht.

  • Von Walter Wippersberg*
    foto: der standard

    Von Walter Wippersberg*

Share if you care.