Kulturaufstand überschattet Programmreform

6. Oktober 2002, 19:27
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Bessere Plätze für die TV-Kultur finden sich nicht unter den Programm-Neuerungen: Ein Überblick

Einen Zweck hat der Aufstand der Kulturredaktion Fernsehen gegen das ORF-Management schon erfüllt. Nicht ganz in der erhofften Form.

"Kommunikationslosigkeit" und "völlige Nichteinbeziehung" der Mitarbeiter warf die Belegschaft der ORF-Kultur Programmdirektor Reinhard Scolik vor. Donnerstag wurde die Resolution einstimmig verabschiedet (DER STANDARD berichtete), selbst Kulturchefin Haide Tenner war dabei. Sie wollen wieder der Infodirektion unterstehen.

Seither spricht Scolik mit Mitarbeitern - freilich zusammen mit dem Personalchef. Und offenbar nicht unbedingt mit der Ambition, ihre Meinung doch noch in die Programmreform einfließen zu lassen. Die wird Montag und Dienstag offiziell präsentiert. Ihre Folgen boten offenbar den Anlass für den Aufstand: Die "Kunst-Stücke" werden dafür eingesargt und durch Comedy sowie ein jugendliches Sendungsexperiment ersetzt.

Zielgruppe schläft

Inhalte der "Kunst-Stücke", vornehmlich heimische Filme, werden auf Sonntag rund um Mitternacht verlegt. "Die Redakteure der Hauptabteilung Kultur im Fernsehen akzeptieren die ihnen zugewiesenen Programmplätze in Randzonen nicht, weil der Teufelskreislauf systemimmanent ist", heißt es in der Resolution. Dokumentarfilme sonntags zur Geisterstunde könnten "nicht funktionieren, weil sogar die Minderheit der Interessierten mehrheitlich schläft".

Bessere Plätze für die TV-Kultur finden sich nicht unter den Neuerungen, die vom Küniglberg vor den Präsentationen durchsickerten:

  • Als erste neue Sendung soll kommenden Sonntagabend "Offen gesagt" das nie aus der Sommerpause zurückgekehrte "Betrifft" ersetzen. Mehr diskutiert wird künftig auch nach der "ZiB 2" am "Runden Tisch". Erster Großeinsatz Elmar Oberhausers dort: die Wahlkonfrontationen ab Ende Oktober.
  • Montag, den 14. geht es so richtig los, nachmittags mit ersten "Newsflashes". Kurznachrichten für Junge, eigens eingeflogen wurde zur Konzeption der renommierte Medienconsulter Mike Haas. Bis man entdeckte, dass das Budget für ihn fehlte.
  • Um 18.30 kommt täglicher Boulevard namens "25 das Magazin".
  • "Bundesland heute" wird modernisiert, "Willkommen Österreich" hat das gerade mit neuen Spielen nebst Krone-Tierecke hinter sich.
  • Durch die "ZiB 1" führt nur noch ein Moderator - Danielle Spera, Josef Broukal und, neu, Ministerinnensohn Stefan Gehrer.
  • Broukals "Modern Times" freitagabends soll sich alle zwei Wochen schwerpunktmäßig Gesundheitsthemen widmen.
  • "Weltjournal" nennt sich die Melange aus "Report International" und "Europa-Panorama".
  • Der "Sport am Sonntag" heißt fürderhin "Rasant".
  • "Erlebnis Österreich" nennt sich dann, was wir als "Ins Land einischaun" kennen.
  • Die Landesstudios liefern zudem auf dem freitäglichen "Schauplatz Gericht"-Sendeplatz neun Dokumentationen pro Jahr.
  • Die große Popstarkür "Starmania" hat mit TV-Kultur auch eher wenig zu tun.
  • Deren Belegschaft trifft sich gleich Anfang dieser Woche noch einmal. Thema: Wie weiter? Die ORF-Führung fordert Entschuldigungen für den mehrfach Vorwurf der "Lüge" in der Resolution.

    (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2002)

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