Neues von der Seifenoper Den Haag

6. Oktober 2002, 22:37
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Ein Kommentar von Biljana Srbljanovic

Die schlecht inszenierte langweilige und langatmige forensische Seifenoper, die Tag für Tag aus dem Studio in Den Haag gebracht wird, hat endlich eine überraschende Wendung genommen. Die einzige weibliche Figur, Biljana Plavsichat den Handlungsverlauf verändert - mit einem Schuldeingeständnis. Im richtigen Moment, wie mir scheint, gerade als die Seifenopfer Sponsoren, Publikum und Existenzberechtigung zu verlieren droht. Und jetzt, da wir alle, dank den zahlreichen Serien und Filmen, aus der US-Gerichtspraxis, mehr über angelsächsisches Recht wissen, als über die Rechtsprinzipien in unseren eigenen Ländern, sind wir einfach gezwungen, zu spekulieren.

Ich zum Beispiel erwarte mir einen Deal mit dem Gericht. Wenn der Angeklagte seine Schuld eingesteht, selbst für die abscheulichste Untat, hat das Gericht paradoxerweise die Möglichkeit, ein milderes Urteil zu sprechen. Auf uns Laien und gewöhnliche Sterbliche, die sich davor hüten, ein Verbrechen zu begehen muss so etwas ungewöhnlich wirken, die gesunde Logik würde meinen - wenn jemand etwas zugibt, ist das gut für ihn und sein Gewissen, bedeutet aber nichts vor der Tatsache, dass ein Verbrechen begangen wurde, und dass genau bekannt ist, wer die Verantwortung dafür trägt. Doch laufen die Dinge am Haager Gerichtshof selten nach der gewöhnlichen menschlichen Logik ab - man erinnere sich nur an Drazen Edemovic, einen Mann, der zugab, eigenhändig mehr als 80 Menschen erschossen zu haben und der im Gegenzug fünf Jahre Gefängnis bekommen hat. Fünf Jahre. Wie zum Beispiel für ein schweres Verkehrsdelikt.

Zweitens ist Biljana Plavsic 72 Jahre alt, ein Alter, das vor Gericht von Vorteil ist, wie sich schon oft gezeigt hat, nehmen wir nur irgendeinen Fall der Ergreifung und Verurteilung noch lebender Nazis, was im Allgemeinen ekelerregend wirkt, da der Angeklagte ein seniler Greis von 100 Jahren ist und bei der Feststellung seiner Verantwortung sein hohes Alter als mildernder Umstand berücksichtigt wird.

Das Dritte und für unsere Seifenoper vielleicht wichtigste: Die Angeklagte kann jetzt mit dem Gericht zusammen arbeiten, sie kann Schlüsselinformationen anbieten und entscheidende Beweise liefern in einem Verfahren gegen andere, zum Beispiel gegen Slobodan Milosevic. Im Gegenzug kann ihre Strafe noch weiter herabgesetzt werden.

Wenn ich jetzt den Eindruck einer inhumanen Person mache, die keine Kraft zum Verzeihen hat, die rachsüchtig und seelenlos ist, möchte ich nur daran erinnern, was Biljana Plavsic da eigentlich zugegeben hat.

Abgesehen von allem, was fallen gelassen wurde, allgemeine Anklagen wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sei hier ein Teil der offiziellen Anklageschrift und ein Teil dessen wiedergegeben, was diese Frau zugibt und wofür ihr das unfähige Gericht Beifall spendet:

Biljana Plavsic gibt zu, schuldig zu sein an der Verfolgung, Diskriminierung, Freiheitsberaubung und vor allem Ermordung von ziviler Bevölkerung, und zwar in 78 Fällen in Bijeljina, 65 in Bratunac, 10 in Brcko, 30 im Dorf Prohovo, an der Ermordung und Verbrennung von etwa 70 Menschen in Visegrad, an der Liquidierung mehrerer hundert Männer, Frauen und Kinder auf den Drinabrücken, an Morden in Lagern, und in in Gefängnisse umgewandelten Volksschulen, an der Zerstörung von Städten, Kirchen und Moscheen und dergleichen mehr. Das ist es, was diese Frau zugibt, getan zu haben. Was halten Sie jetzt davon? (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2002)

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