Jausenstube der lebenden Toten

6. Oktober 2002, 19:21
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Christoph Marthaler als eigensinniger und daher kongenialer Jelinek-Interpret: "In den Alpen" in den Münchner Kammerspielen

Der als Zürcher Intendant auf der Kippe stehende Christoph Marthaler erweist sich als eigensinniger und daher kongenialer Jelinek-Interpret. Seine Uraufführung von "In den Alpen", ein Requiem auf Kaprun, beschert den Münchner Kammerspielen zwei Sternstunden.


München - Elfriede Jelineks schwelender Hass auf Gletscherfirn und Alpenblick ist ein wölfisches Verbeißen: Immer wieder benagt sie mit blank gewetztem Sprechzahn das steinerne Meer der Alpen. Die Berge sollen, bitte schön, endlich die vielen Toten herausgeben, die unter Tonnen von Schiefern und hinter Wänden aus Beton bis zum jüngsten Tag begraben liegen.

Die Errichtung der Kapruner Talsperren, ab 1938 von den Nazis gründlich und ohne Rücksicht auf menschliche Ressourcen betrieben, kostete Hunderte zwangsverschleppter Arbeiter das Leben. In den Alpen, am Samstag in München uraufgeführt, heißt daher immer auch: unter den Alpen, und durch die Alpen, und um sie herum. Und Jelineks wütende Sprache wickelt und packt die erhabenen Kämme und Schroffen fest: mit dieser vollelastischen Satzwatte, die aus allen Jelinek-Texten hervorquillt, sich zu Fäden zusammenlegen lässt und dem (braunen) Wahnsinn eine lange Girlande dreht.

Auf dem Fundament ihrer verheimlichten Opfer errichtete die Zweite Republik aber auch das viel größere Mythenbauwerk Kaprun: Das Prinzip Aussöhnung wurde sozusagen amtlich in Beton gegossen. Die nunmehr österreichischen Opfer, von den Bergen bei Ausschachtungsarbeiten verschluckt oder mit der Erde abgerutscht oder von Sprengladungen zerrissen, wurden als Blutzoll erlegt für den Erwerb einer frisch geweißten Nationalidentität.

Auf diesem namenlosen Grund aus Schuld und Knochenmehl gedeiht jedoch wiederum das folgende, das industrielle Massenelend: die unfreiwillige Komik eines Heers von Statisten, das jeden Winter, mit Pflastersteinen aus Plastik an den Füßen, die vom Wohlleben gerundeten Leiber in Watte und Jethosen presst und mithilfe von leicht brennbaren Standseilbahnen die unwegsamsten Gletscherregionen heimsucht. Eine wahre Pistenschreckenplage, luftdicht verpackt in einen Schwall aus Gesundheitsslogans und Wettkampflatein.

Höllenwartezimmer

Es hat nicht bloß des Kapruner Feuerunfalls vom Herbst 2000 mit seinen 155 Toten bedurft, um dieser Komik der Uniformität den Schrecken der Naturunterwerfung hinzuzugesellen. Denn die Talstation eines Liftbetriebs ist, sozusagen von Natur aus, immer auch: ein Wartezimmer in der Hölle.

Im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele, wo Christoph Marthaler jetzt Elfriede Jelineks In den Alpen uraufgeführt hat, ein von Anna Viebrock noch dazu mustergültig konsumentenfeindlich eingerichteter Saal - mit Resopaltischen und meterlangen Küchenanrichten, wo in Vitrinen die Tourismusmenüs unter Zellophanhäuten verschimmeln, mit Skihasen-Zombies und rüstigen Greisen, die ihre Blößen hinter Pyjamaresten und Sportaccessoires gliederrenkend verbergen. Dass diese Herrschaften tot sein sollen, am Spitz vom Kitz gestorben, auch wenn sie ebenmäßig flach daherreden, spielt im überwiegend stationären Theater Marthalers keine große Rolle. Hier wartet man; hat den Anlass hierzu vergessen und träumt und säuselt sich in einen jener Wachzustände, die das Verhältnis Mensch - Natur oder: Individuum - Gegenstand, von Grund auf verkehren.

Die tödlich verunglückten, aber zur Wiederbetätigung offenbar verurteilten B-Jugendkaderläufer kippen sodann die Tische und rodeln in Skischuhen die Schräge hinunter. Oder ein Pudelmützen-"Bub" (Lars Rudolph) von gnomischer Erhabenheit schmiegt die schwarzen Müllsäcke an sich, welche die Asche seiner Eltern bergen sollen. Ein karottenhaariger "Helfer" (Oliver Mallison) beklebt diese transportablen Urnen mit Zahlen: "153", oder er schließt einen weißen Sicherungskasten auf, um sein schweres Haupt darin zu betten. Dann erklingt Musik, und die Berggeister heulen: "Am Himmel san Sternderln viel . . ."

Sofort verströmt die ganze Talstation, eine Jausenstube der Erhabenheit, ein musikalisches Wehen, oder es knödelt eine unberufene Kehle (Hinterseer vom Band). Aber Marthalers Theater ist eben eines der wahren Demokratie: Wer hier zur Bühnentür hereinkommt, gilt gleich viel.
Seit den Bemühungen von Einar Schleef (ein grandioser Verwirrungsanfall) und Jossi Wieler (ein genialer Bezähmungsversuch) hat Jelinek keinen besseren Geburtshelfer mehr zugewiesen bekommen als den Alpengeist Marthaler. Der legt die armen Toten zur Ruh' und lullt sie mit absurden Tätigkeiten ein. Zu Jelineks Hass auf die industrielle Verwertung von Freizeit steuert Marthaler seinen wichtigsten Rohstoff bei: viel freie Zeit.
Und so erscheint ein Fremdling in der Tür, wohinter der Kapruner Aschentunnel wie eine Drachenhöhle aufklafft: Stefan Bissmeier als treuherziger, etwas verlegener Paul Celan, die Figur des aus der Alpenherrlichkeit vertriebenen Juden, der seine "Nicht-Identität" ein zweites Mal abbüßt, indem ihm sein Platz in der Natur neuerlich verwehrt wird. Bedrohlich belehrt von einem sich begründungsheiß redenden Alpenvereinsmeier (André Jung).
Die Toten sprachen nicht zu allen gleich vernehmlich. Ein großer Abend erntete eine erkleckliche Anzahl von Buhs. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2002)

Von Ronald Pohl
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    Die Opfer des Seilbahnbrandes von Kaprun müssen im Theater nachsitzen: v.li. André Jung, Lars Rudolph, Daniel Chait auf der Bühne 2 der Münchner Kammerspiele.

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