Analyse: Auch Paris schielt auf Saddams Öl

6. Oktober 2002, 18:54
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USA und die "antiamerikanischen" Franzosen haben das gleiche Ziel

Mit ausgestreckten Armen und breitem Lachen geht Jacques Chirac auf Saddam Hussein zu. Das Foto, das diese Szene auf dem Flughafen in Bagdad festhält, stammt aus dem Jahre 1975. Chirac war damals Premierminister. In jenem Jahr begründete Frankreich die enge wirtschaftliche Kooperation mit Bagdad. Die französischen Ingenieure hatten längst erkannt, dass im Irak die zweitgrößten - und vielleicht billigsten - Ölreserven der Welt lagern. In der Folge lieferte Paris jahrelang Waffen an Saddam, verkaufte ihm sogar zwei Atommeiler (die 1981 von israelischen Jets zerstört wurden). Als Gegenleistung erhielten die heute fusionierten französischen Ölkonzerne Total und Elf-Aquitaine Konzessionen.

Noch 1990 bewilligte Präsident François Mitterrand ein großzügiges Umschuldungsabkommen für den Irak. Ein Jahr später machte der Golfkrieg und das folgende Wirtschaftsembargo diese sehr langfristig angelegte Kooperation zunichte. Gewiss, Mitterrand machte an der Operation "Wüstensturm" mit, um Präsenz zu markieren, Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement trat aber aus Protest gegen den US-Einsatz erbost zurück.

Jetzt wiederholt sich das Szenario. Die USA setzen zu einem neuen Schlag gegen Saddam Hussein an; Paris versucht wieder zu bremsen und wird notfalls wieder Truppen entsenden. Im UNO-Sicherheitsrat regte der französische Außenminister Dominique de Villepin ein zweistufiges Resolutionsverfahren an, das vor allem zum Ziel hat, die gegenseitige Aufwiegelung durch die Forderungen Washingtons und Bagdads zu brechen. Im Ernstfall aber wird Frankreich, wie Chirac klar macht, an einem Militäreinsatz gegen Saddam mitmachen. Paris will in erster Linie verhindern, dass die Amerikaner nach einem allfälligen Sturz Saddam Husseins in Bagdad ein ihnen gefügiges Marionettenregime einrichten, das nur US-Firmen in den Irak holt.

Deshalb wünscht Frankreich nur sehr bedingt ein Ende der Saddam-Diktatur. Diese diplomatisch nicht ganz korrekte Haltung zwingt Paris zu zahlreichen Doppelspurigkeiten. Gegen außen stützt man sich auf die UNO-Resolutionen. Hinter den Kulissen arbeiten französische und irakische Unternehmer indes Hand in Hand, soweit es das UNO-Embargo zulässt.

Das Quai d'Orsay, das französische Außenministerium, muss immer wieder bestreiten, es vermittle all diese Kontakte. Die frühere Irak-Lobby bleibt in Paris trotzdem aktiv. Sie hat in den letzten drei Jahren mehrere Vereine ins Leben gerufen, so etwa das "französische Büro für die Entwicklung der Industrie und Kultur" (Ofdic). Im September 2000 organisierte es einen ersten Unternehmerflug nach Bagdad, der wegen des Embargos mit einigen Ärzten bestückt wurde, damit er als "humanitär" ausgegeben werden konnte. Drei Monate später flogen französische Politiker in den Irak, darunter die heutigen Minister Roselyne Bachelot und Jean-Louis Borloo.

Vor wenigen Wochen begab sich ein Parlamentariertrio erneut "zu Friedenszwecken" nach Bagdad, als sich die Falken in Washington lauter vernehmen ließen. Die Regierung in Paris missbilligte die dreiköpfige Extratour. Dabei war das Quai d'Orsay zumindest vorinformiert gewesen.

Finanziert wird das Ofdic nicht vom Staat, sondern von der französischen Irak-Lobby. In dem wenig offiziellen "Office" (Büro) erfährt man, es sei "vor allem in heiklen Ländern tätig". Zum Beispiel? "Irak, Algerien, Libyen." Zufälligerweise alles erdölexportierende Länder. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2002)

Stefan Brändle aus Paris
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